Art 71. Landleben: Option statt Sackgasse

Mit Agrarökologie, gemeinschaftliches Sparen, Ernährungssouveränität und Frauen am Steuer wird aufgezeigt, dass auch in der Ruralitaet erstrebenswerte Zukunftsperspektiven und würdige Lebensbedingungen moeglich sind.
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Wissensvermittlung auf Augenhöhe

Der Kleinbauernzusammenschluss ACESH bringt Menschen zusammen, die Agrarökologie mit Bodenhaftung praktizieren. Stattfinden tut dies im äußersten Süden von Honduras, in unmittelbarer Nãhe zum Nachbarland Nicaragua. Angefangen hat alles mit einem Beratungsprogramm seitens der katholischen Kirche in Choluteca für angepassten Landbau für Kleinbauernfamilien. Auch nach vielen Jahren erinnern sich die Leute noch an die damaligen Mentoren: Monika Hesse und Roberto Rodríguez. Eine Gruppe der damals als Multiplikatoren ausgebildeten Bauern gründeten spãter die Organisation. Einer der Gründer Feliciano Castillo, ist weiterhin mit dabei und widmet sich unermüdlich der Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft, dem regenerativen Naturmanagment und der Ernährungssouveränität. Die Arbeit von ACESH wird u.a. durch Misereor unterstützt.
Feliciano, wie auch die anderen Personen, die bei ACESH mitmachen, sind stolz darauf, Kleinbauern zu sein; daran hat sich nichts geãndert, als sie als Multiplikatoren in die Wissensvermittlung einstiegen. Auffãllig, da für den lãndlichen Raum, bisher überhaupt nicht üblich, ist, dass vor allem jüngere Frauen das technische Team der Organisation bilden. Feliciano, dazu befragt, beginnt zu schmunzeln und erzãhlt: „Anfangs stellten sogar die Männer im Direktorium der Organisation infrage, dass Frauen als Multiplikatoren arbeiten; zudem wollte man den Frauen weniger zahlen als den Mãnnern.“ Die Frauen selbst befragt, erinnern sich an die Anfangszeit, wo es nicht einfach war, die männliche Wahrnehmung von Geschlechtergleichstellung zu verändern. Seitdem ist einiges passiert. Heute werden die meisten Gruppen in den 32 Weilern und Gemeinden, die bei ACESH mitmischen, von Frauen geleitet. Männer sind mit von der Partie, aber die Führungsrollen nehmen mittlerweile Frauen ein. Die von ACESH angestossenen Veränderungen –und da kommen einige zusammen– gingen allesamt von der Basis aus, getreu dem Prinzip: peer to peer und alles auf Augenhöhe.

Nothilfe umfunktioniert in Anschub zur Selbsthilfe

Wir besuchen Nance Dulce, eines der Dörfer des Wirkungsradius der Organisation und treffen die Mitglieder der örtlichen Spar- und Kreditgenossenschaft. Wie in den meisten Dörfern begann auch hier 2017 der Organisationsprozess. Nahrungsmittel und Saatgut des Welternährungsprogramms, eigentlich als reine Nothilfe gedacht, so erzãhlen uns die zusammengekommenen Genossenschaftsmitglieder, wurde durch ACESH als Verbindungsinstanz zwischen dem Programm und den Familien als Ausgangspunkt für einen gemeinschaftlichen Selbsthilfeprozess umfunktioniert. Zulema López, eine der Genossenschaftlerinnen: „ACESH war der Verteilungskanal für Saatgut und Lebensmitteln; aber ACESH nutzte die Chance, um die interessierten Personen, dies waren fast alle, in standortgerechtem Landbau und Agrarökologie praxisorientiert zu schulen. So lernten wir, ohne Agrarchemikalien anzubauen und selbst hergestellte organische Düngemittel zu verwenden.“
Schrittweise half ACESH der so entstandenen Selbsthilfegruppe, neben dem ökologischen Landbau auch mit gemeinsamen Sparen zu beginnen. Auf diese Weise entstand die Spar- und Kreditgenossenschaft, die mittlerweile 25 Mitglieder zählt, darunter 17 Frauen. Jedes Mitglied spart monatlich zwischen 1 und 3 Dollar in Landeswährung an. Gleichzeitig managt die Genossenchaft die lokale Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, vor allem Mais, Bohnen und Gemüse. Eine Gruppe von 25 Personen – viele davon ebenfalls Mitglieder der Genossenschaft – produziert Honig, den sie auf dem lokalen Markt verkaufen. Die Ernährungssouveränität der Familien in Nance Dulce hat ebenso zugenommen wie der Kapitalzuwachs der Genossenschaft durch Spareinlagen sowie erwirtschaftete Gewinne der Lokalvermarktung. Mittlerweile hat die Genossenschaft ein eigenes Lokal mit angegliedertem Getreidelager. Die Produkte, die die Familien an die Genossenschaft liefern, werden durch Einzahlungen auf ihre Sparkonten bezahlt, was die lokale Wirtschaft stärkt.
Verkaufspreise für Grundnahrungsmittel und Darlehenszinssätze der Genossenschaft sind für Mitglieder vergünstigt, was weitere Nachbarn zum Beitritt animiert. Antolino Rodríguez erklärt: „Voraussetzung für die Mitgliedschaft bei der Genossenschaft ist die Bereitschaft, agroökologische Landwirtschaft zu betreiben.“ Heute gibt es ähnliche Gruppen in den 32 Weilern und Gemeinden des Munizips Concepción de María. ACESH stellt heute ein Netzwerk dieser Lokalgruppen dar.

Gemeinschaftsmärkte und lokale Versorgung

Einmal im Monat – manchmal sogar öfter – organisieren die Gruppen in ihrem Dorf einen Gemeinschaftsmarkt, um ihre selbst angebauten Produkte zu verkaufen. Auch diejenigen, die selbst nichts angebaut haben, können Grundnahrungsmittel wie Mais, Bohnen und Gemüse zu erschwinglichen Preisen erwerben. Dies sichert die lokale Versorgung und stärkt den Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Da mit traditionellem Saatgut, organischem Dünger und ganz ohne synthetische Agrochemikalien angebaut wird, ist die Lebensmittelversorgung der gesamten Gemeinde gesünder und nachhaltiger geworden. Die Ernte dient hauptsächlich dem Eigenbedarf und dem Verkauf von Überschüssen vor Ort, wodurch die hohen Transportkosten zu städtischen Märkten vermieden werden. Aracely Castillo, sie lebt im Dorf Muñeco und macht dort bei der lokalen Spar- und Kreditgenossenschaft mit, erzählt: „Vor der Gründung der Gruppe haben wir nicht viel selbst produziert und mussten vieles in Concepción dazukaufen. Jetzt haben wir unsere eigenen Parzellen und Gärten; wir produzieren für den Eigenbedarf und zum Verkauf. Wir geben heute deutlich weniger aus.“
Obwohl die meisten Familien nur kleine Parzellen besitzen, zeigen diese Gruppen, dass Fortschritt durch Organisation, Lernen und Teilen der erworbenen Kenntnisse möglich ist. Ähnlich wie in Nance Dulce hat die Lokalgruppe in Muñeco ein eigenes Genossenschaftslokal, man hat Getreidesilos aus Metall gebaut und Spareinlagen von 120.000 Lempiras (ca. 4.000 US-Dollar) sind für produktive Kredite verfügbar. Die Genossenschaften der verschiedenen Dörfer sind vernetzt und stehen im ständigen Erfahrungsaustausch. Die Schulungen von ACESH zu Parzellenbewirtschaftung, Gartenbau, einheimischem Saatgut, Sparen und Fondsmanagement – ​​werden stets horizontal durchgeführt, wo lokale Kompetenzen wertschätzt und gestärkt werden.

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Welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach entscheidend dafür, dass ein gemeinschaftlicher Prozess langfristig aufrechterhalten, nachhaltig gestaltet und selbstgesteuert ist? Fallen Ihnen andere Bereiche ein, in denen dieselbe Strategie – basierend auf Partizipation, geteiltem Wissen und Autonomie – angewendet werden könnte?

Lebensperspektive Land: Ort des Wandels statt Sackgasse

Für ACESH steht ganz oben auf dem Zettel, die Beteiligung der Jugend an den Schulungen und Organisationsprozessen zu erreichen. Erson Castillo, er gehört zur zweiten Generation bei ACESH, bringt es auf den Punkt:„In den Köpfen junger Menschen muss das Landleben sein Bild von Bestrafung verlieren.“ Obwohl immer mehr junge Gesichter bei Treffen und im Team der Organisation zu sehen sind, suchen nach wie vor viele Junge ihre Zukunft in der Stadt oder im Norden, in den USA. Für die Projektmitarbeiter:innen convon ACESH ist es daher unerlässlich, dass Familien ihre Kinder zur Teilnahme an Gemeindeprozessen ermutigen. Die von der Organisation geschaffenen Räume stärken den Austausch, das Lernen und den Dialog zwischen den Generationen und zeigen, dass das Landleben auch ein Ort der Chancen sein kann.

Die Verbesserung des Lebensstandarts ländlicher Familien durch selbstverwaltete Prozesse lädt dazu ein, das Landleben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ricci Hernández, eine Mitarbeiterin der jungen Garde bei ACESH, drückt es so aus: „Ich habe kein Interesse an Abwanderung. Diese angestossenen Prozesse eröffnen uns neue Perspektiven.“ Die Diversifizierung des Anbaus haben eine grössere Wertschöpfung durch Weiterverarbeitung wie Fruchtgelees und Honig. Hier wird offensichtlich, das Landleben sowohl Zukunft als auch Lebensqualitãt bieten kann.

Hör mal...

Angesichts der Möglichkeit, Gemeinschaftsmärkte zu besuchen oder sich lokal zu versorgen, stoßen viele Menschen in städtischen Gebieten, die sich der Notwendigkeit gesunder Lebensmittel bewusst sind, auf Hindernisse beim Zugang zu gesunden Produkten: Welche Maßnahmen können städtische Verbraucher ergreifen, um Beziehungen der Gleichberechtigung und Zusammenarbeit mit ländlichen agrarökologischen Gemeinschaften aufzubauen? Vielleicht liegt die Antwort in einer beidseitigen Solidarität: in der Produktion und im Konsum, die sich als Teil des selben Lebensgefüges begreift.

Hüter des Territorien

Angesichts der vielfältigen Bedrohungen ihrer Territorien –darunter gentechnisch verändertes Hybrid-Saatgut, der umweltbedrohende Goldbergbau in benachbarten Munizipien und die Auswirkungen der Klimakrise– hat ACESH dazu bewegt, ein Netzwerk von Lokalkomitees zum Schutz der Umwelt aufzubauen. Komitees dieser Art existieren in allen Dörfern. Die Wirkung ihrer Lobbyarbeit, ausgehend von Monitoring, Umweltbildung und lokalen politischen Aktionen ist bemerkenswert. Dank des Engagements und der Beharrlichkeit der Organisation und der Kollektive verabschiedete die munizipale Gemeindeverwaltung von Concepción verbindliche Erklärungen zum Schutz des Territoriums. Einheimisches Saatgut wurde zum Kulturerbe der Bevölkerung erklärt, wodurch dessen freie Verbreitung, Tausch, Verkauf und Vermehrung garantiert ist. Der Bergbau innerhalb des Munizips ist verboten, ebenso wie die Brandrodung, was zum Schutz von Boden und Wäldern beiträgt.
Angesichts des drohenden Verlusts einheimischer Saatgutsorten –sei es durch Ausgrenzung via Gesetzen oder durch tatsächliches Verschwinden– arbeitet ACESH auch zu diesem Thema. Feliciano Castillo fasst es so zusammen: „Saatgut muss nicht immer einheitlich sein, sondern vielmehr vielfältig und an die lokalen Gegebenheiten angepasst sein. Wichtig ist, dass wir das Bewusstsein für lokales Saatgut erneut geweckt haben.“ Dank dieses Ansatzes konnten unter anderem Sorten von gelbem und schwarzem Mais sowie von einigen Heilkrãutern gerettet werden. In jeder Gemeinde sind mindestens zwei Personen für die Pflege, Vermehrung und den Verkauf dieses lokalen Saatguts verantwortlich und bilden so ein Netzwerk gemeinschaftlicher Saatgutbanken – ein lebendiges Symbol bäuerlicher Autonomie und Widerstandsfähigkeit.

Hör mal...

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Wissen säen und Hand anlegen

Die Menschen und Gruppen im Wirkungsradius con ACESH warten für gewöhnlich nicht darauf, dass öffentliche Stellen etwas unternehmen; sie legen selbst Hand an: setzen Wege und Straßen instand, organisieren Wochenmärkte und pflegen einen ständigen Dialog mit den lokalen Behörden. Als der Fluss, der durch das Dorf Muñeco fließt, bei einer Überschwemmung die Hängebrücke wegspülte, waren es die organisierten Anwohner:innen–dank ihrer Organisation und Vernetzung–, die in weniger als sechs Monaten eine neue Hãngebrücke bauten, ein Symbol dafür, wozu man gemeinsam fãhig ist.
Johana Espino, sie mischt in der Lokalgruppe von Muñeco mit, fasst prägnant zusammen, was für sie ein gutes Leben auf dem Land ausmacht: „Wir teilen unsere Erfahrungen und geben unser Wissen an andere weiter. Dadurch haben wir enorm viel erreicht“. Teamwork und gemeinsames Lernen und Praxis als Grundlage. ACESH und die dort engagierten Menschen machen es vor: Landleben – Option statt Sackgasse.

Jede Reflexion, jede Geste und jeder Dialog bringt uns dem gemeinsamen Ziel näher, in Harmonie mit der Natur und selbstbestimmter zu leben.

Quintessenzen für die Zukunft

1

Ein gutes Leben mit akzeptabler nachhaltiger Lebensqualität und selbstbestimmten Prozessen ist möglich, wenn Gemeinschaften auf ihre eigene Fähigkeit zur Veränderung ihres Umweltmanagments vertrauen. Es geht nicht um Wunder, sondern um Bewusstsein, Organisation und gemeinschaftliches Handeln. Das Landleben erweist sich somit nicht als Rückständigkeit und Sackgasse, sondern als eine Lebensoption in Einklang mit der Umwelt.

2

Endogene Kreisläufe geteilten Wissens, lokaler Produktion und Konsum, Solidarwirtschaft und Respekt gegenüber natürlicher Kreisläufe bilden den Grundstein für ein neues Zivilisationsmodell. Ländliche Gemeinschaften wie ACESH zeigen, dass Transformation von unten beginnt und neue Realitãten entstehen lãsst.

3

Die Frauen haben schrittweise den Prozess prãgend gestaltet: sie haben es vermocht, den Machismo auf links zu drehen und familiäre und gemeinschaftliche Geschlechterrollenkonstellationen zu verschieben.

Dieser Artikel wurde von Jorge Krekeler, Koordinator des Zukunftsalmanachs und Berater von Misereor, im Auftrag von Agiamondo, nach einem Besuch beim Zusammenschluss der Agrarökologiekomitees von Süd-Honduras (ACESH) verfasst. Die Reise beinhaltete Besuche und Gesprãche in Dörfern und Gemeinden des Munizips Concepción de María im Süden des Departements Choluteca, nahe der Grenze zu Nicaragua.

Der Zukunftsalmanach dankt Feliciano und Erson Josué Castillo, Enita Juárez, Heydi Varela, Carolina Torres, Consuelo García, Magda Torrez, Unicer Martínez, Denis Hernández und Nelson Cepeda von ACESH; weiterhin den Mitgliedern der Spar- und Kreditgenossenschaft Nance Dulce mit Zulema López, Antolino Rodríguez, Laura Mendoza, Lixi Varela, Ricci Hernández und Anastasio Arce. Ebenso Dank an Araceli Castillo, Johana Espino und Rebeca Zepeda sowie weiterer Mitglieder der Genossenschaft in Muñeco. All diesen Personen herzlichen Dank für den freundlichen Empfang, Zeit und ihr Vertrauen gegenüber der Neugierde des Besuchs.

Un reconocimiento especial al grupo Fe y Esperanza del caserío de Muñeco, en particular a Araceli Castillo, Johana Espino y Rebeca Zepeda, por su amabilidad, tiempo y confianza ante la visita curiosa del Almanaque del Futuro.

Autoren:

Layout:

  • Gabriela Avendaño

Fotomaterial:

    • ACESH
    • Jorge Krekeler

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:

  • Asociación de Comités Agroecológicos del Sur de Honduras – ACESH

    • Facebook: ACESH
    • Whatsapp: +504 9864-0247

AUSGABE:

juli 2026

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Jorge Krekeler
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Informationsquellen

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