Essgewohnheiten – ein harter Knochen
„Wir haben mit vielen Menschen hier zum Thema Essgewohnheiten und gesunder Ernährung gearbeitet. Aber es ist erstaunlich, dass Personen, die offensichtlich bereits den Chipwechsel vollzogen hatten, ihrem neuen Denken den Rücken kehrten, als sie in öffentliche Entscheidungspositionen rückten“. Diese Beobachtung von Julio Martell, einem der Mitarbeiter von INCADE erklärt, warum die von Misereor unterstützte NRO nach neuen Wegen gesucht hat, um das Thema Gesunde Ernährung auf kommunaler Ebene in Montero pushen zu können. Adriana Montero, die das technische Team der Einrichtung leitet, erinnert sich: „Die Offenheit des Bürgermeisters Mario Baptista in Montero, der nach gesundheitlichen Problemen sensibler für die gesundheitliche Situation der Bevölkerung geworden ist, hat uns sehr geholfen“.
Ausgangspunkt für die lokale NRO war eine im Jahr 2016 durchgeführte kommunale Gesundheitsdiagnose, die alarmierende Trends und Situationen aufzeigte: Neun von zehn Familien in Montero ernährten sich schlecht und konsumierten hauptsächlich ungesunden Junk Food, was zusammen mit einem hohen Maß an Bewegungsmangel zu chronischen Krankheiten führte: Fettleibigkeit bei 48 % der Bevölkerung, jeder Fünfte hat mit Bluthochdruck zu kämpfen und viele Menschen sind von Diabetes betroffen.
INCADE analysierte die Situation und stellte sich dier Frage, was man tun könnte. Im Rahmen einer innovativen Advocacy-Strategie entschied man sich für zwei Ansätze. Adriana erklärt dies etwas genauer: „Wir haben zwei Arbeitsbereiche priorisiert: zum einen haben wir zusammen mit 12 Schuldirektionen, welcher gegenüber der Problematik offen waren und bei Unterstützung von Mitarbeitern des Gesundheitszentrums an einem Vorschlag für ein kommunales Gesetz gearbeitet, das nutritive und gesunde Ernährung fördert. Und zweitens haben wir uns ganz genau angeschaut, wie die Kioske an den städtischen Schulen funktionieren und was sie warum verkaufen“.
Kreativer Wandel
Dafür und Dagegen
Dank der Offenheit der Lokalen Regierung und vornweg des damaligen Bürgermeisters sowie des Interesses der Mehrheit der Schulleitungen in Montero kam ein Gesetzesvorschlag zustande, der das Problem des Verkaufs ungesunder Lebensmittel in öffentlichen Bildungseinrichtungen angeht. Im Juli 2019 wurde die Gemeindeverordnung „Gesunde und nutritive Ernährung für ein gesundes Leben“ verabschiedet. Dieses kommunale Gesetz legt unter anderem die Definition von gesunder Ernährung, ihre Förderung und das Angebot gesunder Lebensmittel fest, darunter auch eine empfohlene Sortimentsliste für Schulkioske.
Seit der Verabschiedung der Verordnung sind sechs Jahre vergangen, die Lokalregierung wechselte zwischenzeitlich und ein Regelwerk des Gesetzes steht noch aus. Ohne ein solches Regelwerk kommt das Gesetz jedoch nicht zur Anwendung.
Wege des Wandels
Im Regelfall pachtet die Person, welche die Schulmeisterei ausübt, den Schulkiosk, um so sein eher karges Gehalt aufzubessern. Es ist üblich, dass die Lieferanten den Pächtern ihre Produkte (industriell produzierte Getränke, verschiedene Junkfoodartikel, Süsswaren aller Art und Chips) in Kommission zu überlassen, wodurch die Kioskbetreiber eine zusätzliche Abhängigkeit eingehen. Aus dieser Optik heraus ist die Sorge nachvollziehbar, dass durch die Einführung von nutritiven und gesunden Snacks und Artikeln sowie dem Verkausverbot von Produkten, die gesundheitsschädliche Stoffe enthalten, Einnahmequellen unmittelbar bedroht werden.
Das Team von INCADE analysierte eingehend die Zusammenhänge zwischen der Einkommensrelevanz verschiedener Produkte im Sortiment der Kioske und dem Verkaufspotential gesunder Produkte. Auf diese Weise wurden einige „Einfallstore“ identifiziert, die dabei halfen, den Wechsel von Junkfood zu gesünderen Artikeln attraktiver zu machen. Einer dieser Wege war und ist die Herstellung und der Verkauf von natürlichem Fruchtsäften in den Kiosken: mit wenig Zubereitungsaufwand und hoher Akzeptanz bei den Schülern in den Schulpausen ist er für den Verkäufer profitabler als industrialisierte Getränke. Ähnlich verhält es sich mit dem Verkauf von frischem Obst. Die Umstellung von Hamburgern, Empanadas und Broasted Chicken hin zu gesunden Sandwiches, Milchreis, Kartoffelpüree oder gekochten Eiern ist etwas komplizierter, da sie mehr Zeit für die Zubereitung erfordert, aber auch wegen der Unsicherheit, sie verkaufen zu können.
Schritte statt Trauma
Das Konzept des gesunden Pausensnacks konnte bisher, trotz fehlender gesetzlicher Verbindlichkeit durch Schulkioske an rund 60 Schulen umgesetzt werden; das ist die grosse Mehrheit der Schulen der Stadt, darunter öffentliche, private und von Kirchen betriebene Schulen. Die Schulbehörden und ein Grossteil des Lehrkörpers unterstützen nach Kräften. INCADE hat mit Hilfe von Informations- und Aufklärungsmaterial eine schrittweise Einführung des gesunden Pausensnacks ermöglicht. Dies wäre ohne die Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung, Gesundheitseinrichtungen, Schulträgern, vor allem aber mit den Kioskbetreibern nicht durchsetzbar gewesen.
INCADE hat in enger Abstimmung mit der Bezirksdirektion für Bildung und den kommunalen Gesundheitszentren eine theoretische und praktische Ausbildung in gesunder und nahrhafter Ernährung für die Verantwortlichen der Schulkioske organisiert. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage Boliviens nimmt die Zahl ambulanter Verkäufer für industriell produzierter Getränke, Junk Food und Süßigkeiten in der Umgebung der Schulen weiter zu. INCADE hat diesem Phänomen Rechnung getragen und es geschafft, dieser ambulaten Verkäufer nach Möglichkeit in die Schulungen und Kurse zu integrieren. Mehr als 100 Personen wurden für die Zubereitung und den Verkauf von gesunden Pausensnacks zertifiziert.
Bürgermacht
Was ist Deine / Ihre Meinung: Sind wir uns der Macht bewusst, die wir als Zivilgesellschaft für lokale und territoriale Entscheidungsprozessen besitzen? Und machen wir hiervon genügend Gebrauch?
Bei der Umsetzung stetzte man auf die Strategie der kleinen Schritte. So vereinbarten die meisten Schulen mit den Kioskbetreibern, zunächst an einem Tag in der Woche gesunde Snacks und Artikel anzubieten. Nachdem sich die Schulgemeinschaft daran gewöhnt hat, werden nun in mehreren Schulen schrittweise an drei von fünf Tagen in der Woche gesunde Snacks verkauft. Industrielle und zuckerhaltige Getränke sind an mehreren Schulen bereits endgültig verschwunden. Und um die Umstellung auf gesunde Snacks attraktiver zu gestalten, wurden Strategien wie Linsenburger oder Spinat- und Kürbiskuchen angeboten: gesunde Alternativen, die vom Aussehen her Junkfood ähneln.
Bei Schülerschaft, Eltern und Lehrern ist die Akzeptanz des Themas gesunder Snacks und insgesamt nutritivem Essen gut angekommen, wenn auch nicht ohne Widersprüche. Bei Massenveranstaltungen, z. B. bei Abschlussfeiern tauchen an einigen Schulen wieder industrielle kohlensäurehaltige Getränke und Hot Dogs auf. Auf diese Weise kommt mehr Geld in die Kasse, wenn auch für gemeinnützige Zwecke. Aber trotz dieser Höhen und Tiefen sind die Fortschritte bei den Schulkiosken und ihrem Snackangebot beträchtlich. Das Routinekippen klappte im geschilderten Fall auch ohne gesetzliche Verordnung, oder vielleicht ja gerade deshalb.
Kollektive Strategien
Hälst Du / halten Sie es für möglich, kreative Strategien zur Überwindung von Widerständen gegen Veränderungen in Richtung wünschenswerter Zukünfte auszudenken und anzuwenden? Bei welchem Thema und zu welchem Wandel in Deinem / Ihrem Kontext würdest Du / würden Sie ansetzen?
Wenn die Verordnung des Gesetzes in Kraft treten würde, wäre das Bürgermeisteramt dazu verpflichtet, bei jeder Art von öffentlichen Veranstaltungen sowie Einrichtungen auf die strikte Einhaltung des Gesetzes zu bestehen. Vorläufig scheinen private wirtschaftliche Interessen mehr Gewicht zu haben, um die Reglamentierung des Gesetzes zu verhindern. Vielleicht ist auch dies eine Frage der Zeit, denn die langjährigen Bemühungen von INCADE und seiner Verbündeten haben es schliesslich vermocht, gesunde Pausensnacks Wirklichkeit werden zu lassen. Derweil arbeitet die Institution bereits an einer neuen, thematisch jedoch verwandten Herausforderung: die Einrichtung von Schulgärten; derzeit existieren bereits 24 solcher Gärten und ein Entwurf für eine Gemeindeverordnung ist auch schon in der Mache.
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Quintessenzen in Richtung Zukunft
1
Gesunde Pausensnacks an Schulen scheint ein simples Thema. Dahinter verbirgt sich jedoch ein komplexer Prozess, der einen vielschichtigen Ansatz erfordert. Bei der Änderung der Ess- und Konsumgewohnheiten einer Schulgemeinde spielen nicht nur Ernährungsfragen ein Rolle, sondern vor allem wirtschaftliche Aspekte und nicht zuletzt die Konsumsubjektivität. Schrittweise Einführung, innovative Ansätze und mit kleinen Tricks, wie beispielsweise Gesundsnacks, die wie Junk Food aussehen, ist es möglich, die Akzeptanz vieler Beteiligten zu gewinnen.
2
Die Gestaltungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft in lokalen Prozessen ist enorm und wird des öfteren unterschätzt bzw. nicht entscheidend gefördert. INCADE macht vor, wie kollektive Selbstorganisation einen erheblichen und entscheidenden Einfluss auf lokalen Wandel und Transformation nehmen kann. Damit dies geschieht, ist die Beteiligung und Einbindung möglichst aller Akteure wichtig.
3
Die schrittweise Einführung von Veränderungen und der Einsatz kreativer Strategien sind der Schlüssel zur Überwindung von Widerständen gegen Veränderungen. INCADE zeigt, dass es möglich ist.
Der Text kam auf der Grundlage von Gesprächen mit Adriana Montero, Armida Nuñez, Julio Martell, Tito Jaimes, Angélica Rojas, Melina Vega, Yrene Miranda, Katherine Arias, Eliana Vargas und Ruth Mery Mayta der NRO INCADE (Instituto de Capacitación para el Desarrollo) zustande. Die Organisationen arbeitet, gefördert durch MISEREOR sowie auch Brot für die Welt, seit mehr als einem Jahrzehnt in den peri-urbanen und städtischen Zonen von Montero, nördlich von Santa Cruz, Bolivien. Der Besuch von Jorge Krekeler (Koordinator des Zukunftsalmanachs – Berater Misereor zu Transformation im Auftrag von Agiamondo) fand im November 2024 statt. Ein Dankeschön an Adriana Montero und das Team von INCADE für ihre Zeit und Zusammenarbeit. Und ein besonderer Dank des Autores an INCADE für das Teilen seines Prozesses während mehr als 25 Jahren gemeinsamen Weges, auch in Kollektiven wie der Arbeitsgruppe Klimawandel und Gerechtigkeit und zuvor mit dem Netzwerk für Bürgerbeteiligung und Sozialkontrolle in Bolivien.
Autoren:
- Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño
Fotomaterial:
- INCADE
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
- INCADE
- Email: incade@gmail.com
- Facebook: Incade Montero
- www.incadebolivia.com

