“Es ist nicht viel“, sagt Alfredo Echeverría während des Treffens in seinem Haus in der Gemeinde San José Los Delgados in El Salvador, und fügt hinzu: „Aber ich bin zufrieden mit dem, was wir als REPASAILanstellen“. REPASAIL ist ein kleines Netzwerk von umweltbewussten Bauernfamilien, die, unterstützt durch die Caritas San Vicente schrittweise auf nachhaltige Landwirtschaft umgestellt haben. Obwohl die Organisation noch nicht sehr lange existiert, machen bereits Leute aus 16 Dörfern teil. Roberto Rivera, der derzeitigen Präsidenten der Organisation auf das grosse Interesse angesprochen: „Bei solch einem Prozess geht es nicht darum, was materiell dabeoi für jeden einzelnen rumkommt, sondern wozu wir durch neue umsetzbare Kenntnisse im Stande sind. Es geht nicht darum, was sie mir geben, sondern was ich tun kann. Und dies reicht bei uns angefangen von den Spargruppen über Wiederverwendung von hemischem Saatgut bis hin zur Erhöhung der Agrobiodiversität durch das Anplanzen von neuen oder auch in Vergessenheit geratenen Anbauprodukten“.
Ausgangssituation
‘Die Nahrungsmittelproduktion scheint in El Salvador politsch keinerlei Rolle zu spielen‘. Diesen Satz hört man immer wieder, wenn es um die Landwirtschaft in El Salvador, dem kleinsten, aber am dichtesten besiedelten Land Mittelamerikas, geht. In diesem Zusammenhang hat die salvadorianische Regierung die Zölle auf Lebensmittelimporte aus den Nachbarländern abgeschafft, was die Situation für viele Bauernfamilien noch schwieriger macht. Billigimporte von agroindustriellen und stark chemiebelasteten Nahrungsmitteln überschwemmen den hiesigem Markt. Vor diesem Hintergrund hat sich das Netzwerk für nachhaltige Landwirtschaft, kurz REPASAIL als Abkürzung des komplette Namens und 2019 in Ilobasco ins Leben gerufen, vorgenommen, seinen agrarökologischen Transformationsprozess in erster Linie auf Ernährungssicherheit und –souveränität auszurichten. Die angestrebte Nachhaltigkeit in Landwirtschaft und ganzheitlicher Agrarökologie soll einen Beitrag dazu leisten, in Ilobasco und den umliegenden Dörfern vorzumachen, wie der Mensch in stärkerem Einklang mit der Erde wirtschaftet.
Abhängigkeit oder Souveränität
Angesichts der Lawine billiger Lebensmittel aus dem Ausland entscheidet sich REPASAIL für die Ernährungssouveränität. Welchen Weg wählst Du bezüglich Deiner Versorgung, wom und von wem kaufst Du Deine Nahrungsmittel? Ernährung und Konsum sind politische Angelegenheiten und auch eine Frage der Mitverantwortung
Das Netzwerk entstand, wenn man so will, an mehreren Stellen und in mehreren Dörfern gleichzeitig, indem sich animiert durch die von Misereor geförderte CaCaritas der Diözese San Vicente kleine lokale Gruppen von Frauen und Männern in den Gemeinden von Ilobasco und Cabañas zusammenfanden, um Aktionen rund um agrarökologische Produktion, Diversifizierung und Umweltschutz in Angriff zu nehmen: Nach kurzer Zeit standen die Grupen im Kontakt untereinander und begannen, ihre Aktionen zu koordinieren. Mittlerweile delegiert jede Lokalgruppe einer Personen die Aufgabe, die Gruppe innerhalb des Netzwerks zu vertreten. So schafftt man es recht gut, Aktionen zu koordinieren und sich gegenseitig zu unterstützen. REPASAIL bringt es, unterstützt durch die Caritas auf 28 Multiplikatoren, davon 13 Frauen, und es machen mittlerweile Lokalgruppen aus 8 Kantonen von Ilobasco und Cabañas mit. Die grosse Motivation, dem Netzwerk anzugehören lässt sich damit erklären dass die Leute sich den Erfahrungs- und Wissensaustausch nicht durch die Lappen gehen lassen wollen. Es geht also um Anbaupraktiken, angepasstem heimischen Saatgut und vielem mehr. Interessant ist dass auch reichlich Jüngere mit von der Partie sind. Dies sieht man in den von Migration notorisch geplagten Region eigentlich so gut wie nie.
Vom Sparen und Saatgutverbesserung
In vielen Dörfern haben sich Spargruppen gebildet, die eine Antwort auf den fehlenden Zugang zu Bankkrediten sind. Im Allgemeinen sparen die Mitglieder der Gruppe – mehr Frauen als Männer – jede Woche kleine Geldbeträge. Dieses Kapital wird zur Vergabe von Kleinkrediten an interessierte Gruppenmitglieder verwendet. Da das Einlagekapital nicht fuer gleichzeitige Kredite für alle reicht, gehjts reihum. Investiert wird in der Regel in kleine produktive Unternehmungen wie der Erweiterung des Anbausortiments oder dem Kauf von Kleintieren um eine Zucht aufzubauen oder zu erweitern. Wenngleich es sich um kleine Initiativen der oder des Einzelnen handelt, teilt man neue Erfahrungen, Erfolge wier auch Fehler mit der Gruppe. Die Menschen sind an der Gruppendynamik und ihrem Mitwirken dort spürbar interessiert.
Oft bereits in Vergessenheit geratene heimische Samen und traditionelles Saatgut erfrfeut sich innerhalb und zwischen den Gruppen grosser Beliebtheit. Es gibt quasi kein Treffen, wo Saatgut nicht weitergegeben und getauscht wird. Das Netzwerk hat seit Beginn an die Wichtigkeit erkannt, sich vom anfälligen und abhängigkeitsschaffenden Hybridsaatgut unabhängig zu machen, indem eigentlich alle an einer permanenten Wiederentdeckung und Anpassung heimischen Saatguts teilnehmen. Eine Gruppe von 10 Personen als Promotoren des Netzwerks helfen bei den Aktionen zur Wiedergewinnung einheimischen Saatguts. Auf diese Weise konnten bereits das Saatgut von 10 heimischen Maissorten und 20 Bohnensorten widerentdeckt und in Umlauf gebracht werden. Sogar der Diözesanbischof José Elías Rauda Gutiérrez beteiligt sich an diesem Saatguttausch. Bei seinem Kurzbesuch meint Bischof José Elias zu den Leluten: “Die Pflanzen sind keine Feinde, aber leider haben wir uns in den Kopf setzen lassen, das man dass, was man fälschlicherweise als Unkraut bezeichnet, mit Gift zu bekämpfen hat“. REPASAIL ist auch bemüht, geeignete Methoden zur Aufbewahrung von Saatgut (wieder)zu entdecken.
“Als wir die ersten Kurse über nachhaltige Landwirtschaft abhielten, benutzten viele hier noch jede Menge Agrarchemikalien“, erinnert sich Henry Rodríguez, Koordinator der Caritas im Bereich Campesino- und Landpastorale. Es ist auffallend, dass die Teilnehmer Zu den Kursen und Treffen bringen alle Teller, Becher und Besteck mit; die Leute haben keinen Bock auf Plastik und unnötige Müllproduktion. Zu den Zusammenkünften bringt jeder mit, was er gerade hat: Samen, Früchte und Pflanzsetzlinge, daheim zubereitetes Essen bis hin zu biologisch hergestellten Mittel zur Schädlingsbekämpfung. Und all dies wird weitergereicht, geteilt und getauscht. Zu wichtigen Treffen fallen die Mitbringsel umfangreicher aus, da mit all den Dingen dann ein Gabenteppich in der Mitte des Versammlungsorts bereitet. Gemeinsam dankt man der Mutter Natur und Erde für die Ernten, die Grosszügigkeit der Natur und für die biologische Vielfalt. Rund um den Gabenteppich spielen sich emotionale und zugleich motivierende Szenen; am Ende nimmt jede(r) etwas vom Gabenteppich mit nach Hause.
Junge sind mit von der Partie
Das Netzwerk ist sich die Gefahr bewusst, dass junge Menschen in der Regel ihr Glück in der Stadt suchen und definitiv abwandern statt ihr Lebensprojekt vor Ort zu suchen. Roberto Rivera und Carlos Avendaño, zwei sehr engagierte Mitstreiter des Netzwerks berichten zum Thema Jugend: “Wir sind es oft selbst, die dafür sorgen, dass die Jugend in die Städte abwandert; das müssen wir ändern. Die jungen Leute interessieren sich mehr für die Verarbeitung von Rohstoffen, die Bienenzucht und auch für den Verkauf vor Ort, als für die Arbeit im Maisfeld und die reine Feldarbeit“. In REPASAIL gibt es Familien, die die Früchte der Sagopalme (eine Palmenart) zu Stärke verarbeiten, z. B. zum Backen oder für Kekse. Yam und Malanga sind weitere gerettete Pflanzen, die sich ideal für Suppen eignen. In diesen Bereichen der Weiterverarbeitung und dem Vertrieb von neuen Produkten trifft man im Falle des Netzwerks viele Junge, die ihre Zukunft hier vor Ort entdeckt haben.
Ländlichkeit und Zukunft
Wir glauben zu wissen, was junge Menschen bevorzugen. Wissen wir es wirklich? Es ist hilfreich, sich die Zukunft des ländlichen Raums aus der Sicht der Jugendlichen vorzustellen: In Ilobasco stehen die Jungen Leute weniger auf Landwirtschaft, und eher auf Weiterverarbeitung, Bienenzucht und dem lokalen Verkauf und Vertrieb.
Während unseres Gesprächs beginnt Roberto auf einmal an zu Schmunzeln. “Mir gehen die Grundsätze unseres Netzwerks durch den Kopf und natürlich die grosse Herausforderung unsere Jugend zum Mitmachen zu bewegen: das Landleben und die umweltfreundliche Landwirtsckaft attraktiv zu machen. Wenn Du am Anfang stehst und Deine Anbaumethoden schrittweise umstellst, kommt schon eine ganz schöne Menge an neue Kenntnissen auf Dich zu, die es erst mal zu verarbeiten und umzusetzen gilt. Aber dann spürt man irgendwann auch die Belohnung. Icvh glaube es ist wichtig dies den Jungen mit auf den Weg zu geben, damit sie nicht schnell kehrt machen“.
Herausforderungen
REPASAIL, vorerst eine De-facto-Organisation, d.h. sie ist noch nicht als juristische Person formalisiert, hat die Herausforderungen wie Perlen auf einer Kette aufgereiht. Mit Unterstützung der Caritas und durch das von Misereor geförderte Projekt, daneben auch mit anderen Partnern wie Universitäten und gemeinnützigen Stellen werden die Komponenten Bodenfruchtbarkeit und Wassermanagment, einheimisches Saatgut und Aufforstung sowie die nachhaltige und agroökologische Landwirtschaft insgesamt vorangebracht. Auf territorialer Ebene ist es uns mit der tatkräftigen Unterstützung der Die Diözese und allen voran Pater René Valle haben tatkräftig dabei mitgeholfen, ein Gesetzesentwurf zu pushen, der anstrebt, den Metallbergbau grundsätzlich zu untersagen. Man organisierte Besuche im benachbarten Honduras, wo man die schädlichen Folgen des Bergbaus in Augenschein nehmen konnte. Die Klimakrise und die anhaltenden Dürreperioden sind ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Netzwerks; derzeit ist man dabei, einfache Tröpfchenbewässerungstechnik einzuführen. Die Herstellung von organischen Düngemitteln und Pestiziden usw. geht Hand in Hand mit einer drastischen Reduzierung der Abfallmenge in den Dörfern.
Wiedererlangung und Vielfalt
Wiederzuerlangen, was verloren ging, braucht Zeit, aber noch viel mehr, wenn man nicht damit anfängt. Warum fängst Du nicht an, gemeinsam mit anderen die einheimischen Saatgutsorten wiederzuentdecken, die für Deine Region Gebiet am besten geeignet sind?
Derzeit steht ganz oben auf der Liste des Netzwerks, dass jede teilnehmende Familie einen biologischen Hausgarten managt, wo Hühnermist und Mikroorganismen, Kompost und Mulch auf dem pfanzlichen Speiseplan stehen. Vom Garten geht es dann weiter zur Weiterverarbeitung und Zubereitung typischer Lebensmittel, sowohl für die Eigenversorgung als auch für den Verkauf. Diese Leckereien sind, wie Alfredo Echeverría, einer der Mitstreiter der ersten Stunde zu sagen pfllegt, ‘keine große Sache…‘. Die Moral von der Geschicht‘: wenn jede kleine Sache den gleichen Impakt auslosen würde wie es bei der REPASAIL der Fall ist, wäre die Welt eine andere.
Welche anderen Tipps hast Du ausgehend von Deinen agrarökologischen Aktionen und dem Schutz der Umwelt? Lass uns daran teilhaben und sende uns eine Nachricht in den social media, um sie mit der Comunity teilen zu können!
Quintessenzen für die Zukunft
1
Ein lateinamerikanisches Sprichwort sagt: !Besser, ein Ei gut gegessen als schlecht verkauft! Der Ernährungssouveränität und einer natürlichen Landwirtschaft den Vorzug zu geben, den Verkauf und die Versorgung über kurze Wege zu bewerkstelligen ermöglicht eine enkeltaugliche Lebensqualität auf dem Lande.
2
Gegenseitiger Erfahrungsaustausch und Besuche innerhalb und zwischen den lokalen Gruppen halten die Motivation hoch und stärken das Organisationsgefüge und den sozialen Zusammenhalt. Dies hat mehr als einen jungen Menschen motiviert, seine Zukunft auf dem Lande zu sehen.
3
Die Vernetzung zwischen den Lokalgruppen ist eine tolle Sache bezüglich des Wissensmanagements; das, was die teilnehmenden Personen in den Kursen lernen, wir auf lokaler Ebene in Miniwokshops weitergegeben. Gleichzeitig werden ökologische, politische und ökonomische Themen analysiert, um das Territorium und den eingeschlagenen Weg zu verteidigen und fortzusetzen.
Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen mit Frauen und Männern, Mitgliedern des Netzwerks Nachhaltige Landwirtschaft und Umweltschutz in Ilobasco / Cabañas, abgekürzt REPASAIL in den Gemeinden Los Delgados und Guadalupe erstellt. Besonderer Dank gilt Alfredo Echeverría, Micaela Abrego, Roberto Rivera, Consuelo Mercado, Silvia Paredes und Carlos Avendaño, sowie Personen der Caritas der Diözese San Vicente, darunter Henry Rodríguez, Valentina López und Rubén Reyes. José Elías Rauda Gutiérrez, Bischof von San Vicente, kam ebenfalls, um die Gruppe zu begrüßen. Im Laufe des Tages wurden die Gemüsegärten und die Anbauparzellen besucht. Die Interviews im Rahmen des Besuchs im Juli 2024 wurden von Jorge Krekeler (Koordinator des Zukunftsalmanachs – Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo) geführt. Der Dank des Zukunftsalmanachs gilt sowohl der REPASAIL als auch der Caritas der Diözese St. Vincent für ihre Zeit, ihr Interesse und ihr Vertrauen gegenüber dem Zukunftsalmanach. Ein besonderer Dank geht an Guillermo Navarro von der Caritas El Salvador für seine Unterstützung und Begleitung während der gesamten Reise durch das Land, die dazu beigetragen hat, Synergien zu schaffen, um aus der Gegenwart heraus die Zukunft zu gestalten.
Autor:
- Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño.
Fotomaterial:
- Cáritas Diócesis de San Vicente
- Jorge Krekeler
Kontaktdaten zum dokumentierten Prozess:
- Red de Promotores de Agricultura Sostenible y Ambientalistas de Ilobasco-Cabañas, REPASAIL:
- Facebook: Repasail Ilobasco
- repasailpromotores@gmail.com
- c/o Caritas Diócesis de San Vicente (Henry Rodríguez)
- caritassanvicente@yahoo.es
- rh_rg3@yahoo.es

