Art 55. Der Wald, unser grösster Schatz

Juliana Miranda aus dem Chocó Andino in Ecuador entschied sich gegen eine klassische Ausbildung und lernte stattdessen vom Wald. Durch das Grundeinkommen baut sie ihre Naturkosmetikproduktion auf und engagiert sich im Umweltschutz. Ihre Familie und Gemeinschaft stehen stolz hinter ihr.
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Juliana Miranda stammt aus und lebt in San Francisco de Pachijal, nordwestlich von Quito in der Bioregion Chocó. Juli ist die Jüngste von 14 Geschwistern. Heute ist sie 22 und konnte sich für keinen konventionellen Ausbildungsweg entscheiden; statt Uni hat sie die Natur und den Wald als ihr Lern- und Lebenslabor gewählt. Ihr Mitmachen beim Pilotprojekt zum bedingungslosen Grundeinkommen passte zeitmässig ganz genau, um auf diese Weise ihre Lebensprojekte voranzubringen: die manuelle Herstellung von Naturkosmetik, wo nur Substanzen aus dem Wald zum Zuge kommt und dazu ergänzend aktiver Naturschutz und Umwelttourismus, alles vor der eigenen Haustür. Heute wird sie von ihrer Familie unterstützt, die zusammen mit ihrer Gemeinde stolz auf den von ihr eingeschlagenen Weg ist.

Zum Bedingungslosen Grundeinkommen: Das Grundeinkommen ist ein Geldbetrag, der in regelmäßigen Abständen und bedingungslos an alle Mitglieder einer Gemeinschaft ausgezahlt wird, um ihr materielles Auskommen zu sichern. Mit anderen Worten: Das Grundeinkommen soll universell, individuell und bedingungslos sein.

Das Saatgut-Netzwerk Red de Guardianes de Semillas in EKuador hat auf Einladung von Misereor akzeptiert, ein Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen in Angriff zu nehmen. Dazu wurden 60 Personen ausgewählt, die zwei Jahre lang ein monatliches Einkommen von 250 USD erhalten, wobei keine Bedingungen für die Verwendung dieser Mittel gelten.

Das Besondere an diesem Projekt ist, dass die Leute, welche beim Netzwerk mitmachen, Personen aus ihrem Umfeld als potentielle Teilnehmer des Pilotprojekts identifizierten, welche ein grosses Interesse an einem persönlichen regenerativen Transformationsprozess besitzen, um zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung zu gelangen.

Eine latente Bedrohung

Während der Eiszeit fror fast die gesamte Welt zu, mit Ausnahme bestimmter Regionen entlang des Äquators, wo sich „Hotspots“ der biodiversen Vielfalt bildeten. Dies ist der Fall in der Biosphäre Chocó im ekuatorianischen Andenabfall in Richtugn Pazifik. Die Flora und Fauna dieser Region sind einzigartige Zeugnisse des Reichtums an biologischer Vielfalt. Gleichzeitig weisen die Böden enorme mineralische Lagerstätten auf, welche das Interesse von Bergbauunternehmen zwecks Ausbeutung geweckt hat.

Schon während der Kindheit von Juliana stellte der Bergbau eine latente Bedrohung für den Naturraum des Chocó und seoner Biodiversität dar. Wer sich gegen den Bergbau und die Ausbuetung des Mineralreichtums ausspricht, wie ihre Familie, riskiert, als Feind des Fortschritts angesehen zu werden oder sogar um sein Leben fürchten zu müssen. Doch der unermüdliche Widerstand war der Schlüssel beim Volksentscheid der Bürgerinnen und Bürger des Stadtbezirks von Quito, zu dem die Region Chocó adminsitrativ gehört, im vergangenen Jahr (2023), den Bergbau auf allen Ebenen durch ein Referendum zu verbieten. Dennoch, so Juliana, „dürfen wir nicht unaufmerksam werden, denn der Volksentscheid gegen den Bergbau berührt nicht die Rechtskräftigkeit der bereits erteilten Konzessionen in diesem Gebiet“. Es ist kein Geheimnis, dass der Edelmetallreichtum darunter Gold und Silber auch weiterhin und trotz des rechtsverbindlichen Volkentscheids das grosse Interesse derer nicht geschmälert hat, die Bodenschätze auf Kosten der Zerstörung von Wäldern und Flüssen voranzutreiben.

Getarnt als Personen, die an regenerativer Viehzucht und Wiederaufforstung interessiert sind, versuchten Leute aus der Bergbaubranche kleineren Kalibers, Farmen in der Chocóregion zu kaufen. „Aber nach ein paar Jahren“, erzählt Juliana, „war das Versteckspielen zu Ende: sie begannen, mit Maschinen Bergbau zu betreiben. Viele Menschen hier waren dafür. Es war ein schrecklicher Konflikt. Der Bergbau und seine Akteure zerstören das soziale Gefüge“. Versuche, sogar die Farm von Julianas Bruder zu kaufen, fehlten nicht. „Mein Bruder hat nicht verkauft, denn seine Farm ist sein größter Schatz. Ich glaube, das alles hat bei mir bewirkt, den Entschluss zu fassen, zu bleiben und etwas auf die Beine zu stellen, das rentabel ist, ohne das Land auszubeuten“, erzählt Juliana, die in ihrem jungen Alter gesehen hat, wie viele Nachbarn der Leichtigkeit des Geldes nachgaben, anstatt die Perspektiven ihrer Farmen bezüglich Produtkionspotential und Biodiversität zu nutzen. „Das war und ist auch weiterhin meine Inspirationen“, fährt Juliana fort, „zu sagen: Nein, ich bleibe hier und werde etwas schaffen, das gut für mich, die Gemeinschaft und für die Natur ist“.

Naturkosmetik

So entstand 2021 Parwa, was auf Quechua „Maisblume“ bedeutet. Zu Beginn half Juliana ihrem älteren Bruder Gonzalo bei der Herstellung von Naturseifen und ätherischen Ölen. Als Gonzalo beschloss, eine bezahlte Arbeit anzunehmen, entschloss sie sich, die Produktion fortzusetzen. So lernte sie Gabriela kennen, ihre heutige Geschäftspartnerin, die für das Marketing zuständig ist. Die Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den beiden ist ein Beispiel für die Synergie zwischen Land und Stadt.

Um von Julianas Haus mitten im Wald zum nächsten Ort zu gelangen, gilt es, drei kleine Flüsse zu überqueren. Juliana genießt diese Route und normalerweise ist sie mit dem Fahrrad unterwegs, aber zugegeben ist der Transport der Naturkosmetikproduktion kompliziert. Dies brachte Juliana und Gabriela zum Entschluss, den Hauptsitz der Produktion nach Quito¡ in die Stadt zu verlegen, wo Gabriela’s Familie das Haus der Großeltern anbot, das in eine Laborwerkstatt umgebaut werden konnte. Zu dieser Zeit begann Juliana, monatlich das Grundeinkommen zu erhalten. Juliana erinnert sich: „Es kam wie vom Himmel gefallen; wir haben ein Renovierungsmeeting organisiert, haben Wände eingerissen, angestrichen, und haben uns eine richtig schöne Werkstatt hergerichtet“. Sie konnten auch in einen Edelstahlarbeitstisch und in dunkle Glasbehälter für ätherische Öle investieren, die für die Qualität ihrer Produkte erforderlich sind.

Seifen, Shampoos, Massageöle und Deos sind einige der Naturprodukte von Parwa; die Rohstoffe stammen alle aus dem Wald und von Julianas Farm: verschiedene Tone, Heilpflanzen und –kräuter, wie Zitronenverbene, weiterhin Kakao, Orange, Zitrone u.¡nd anderes mehr. Als die Nachfrage und der Absatz stiegen, beschlossen sie, ihre Produkte zu verbessern; das Grundeinkommen und hiermit verbunden die finanzielle Liquidität Julianas war hierfür entscheidend. Mit Hilfe einer französischen Spezialistin, die sie für eine Schulung in ihre Werkstatt einluden, ersetzten Gabriela und Juliana das aus Erdöl gewonnene Glycerin durch tierische oder pflanzliche Fette aus Kokosnuss und Kakao, alles Rohstoffe aus der Nachbarschaft. „Die Schulung über den Verseifungsprozess war wie ein Neuanfang, aber jetzt stellen wir unser eigenes Glyzerin auf nachhaltige Weise her“.

Der Verkauf erfolgt online, in verschiedenen Fachgeschäften in Quito und in Mindo, einem Touristenort in der Chocóregion. Juliana und Gabriela sind für alle Funktionen von Parwa zuständig und sie sind enorm stolz darauf, mit ihrem Unternehmen Kleinbauern als Rohstoffproduzenten zu unterstützen.

Jetzt hören sie auf mich

Der Erfolg von Parwa hat sich sehr positiv auf die Gemeinschaft vor Ort ausgewirkt, vor allem auf Frauen und junge Menschen, die sagen: „Wir kriegen auch etwas auf die Beine“. Es ist weder üblich noch einfach, nicht nur in Ekuador, als Frau die Möglichkeit zu haben, produktive Prozesse auf die Schiene zu bringen. Im Fall von Juliana, die nicht nur eine Frau, sondern auch die Jüngste in der Familie ist, war es von zentraler Bedeutung, ständig an Kursen und Schulungen teilzunehmen, wie beispielsweise dem von Yakunina (https://www.yakunina.com/) organisierten Permakultur- und Designkurs. Auf der familiären Farm wird seit jeher biologisch gelandwirtschaftet, ganz ohne synthetische Agrochemikalien. Bestimmte Methoden zur Stärkung der Regeneration des Bodens, der Artenvielfalt und der Verknüpfung verschiedener Aspekte hin zu einem nachhaltigen Leben, wie sie die Permakultur vorschlägt, waren trotzdem neu für Juliana. „Bei mir zu Hause“, sagt Juliana, „fingen sie an, mir zuzuhören; sie sagten, ja, Juliana weiß eine ganze Menge. Es macht mich stolz, von der anderen anerkannt zu werden“.

Lebensprojekte

„Zusammen mit meinen Geschwistern hatten wir immer die Idee, eine Farm in der Nachbarschaft zu kaufen; wir waren alle verliebt in diese Farm in Pachijal, sie ist wunderschön, hat kristallklares Wasser und ganz viel Ursprungswald. Wir wollten vermeiden, dass sie dem Bergbau zum Opfer fällt, aber es war schwierig, da wir nicht genügend Geld hatten für den Kauf“, sagt Juli über ihr jüngstes Projekt, mit dem sie sich sehr identifiziert. Als sie erfuhr, dass das Grundeinkommensprojekt um ein weiteres Jahr verlängert wird, was bedeutete, dass es 24 statt 12 monatliche Überweisungen geben würde, ging Juliana das Risiko ein und nahm einen Kredit auf, um sich zusammen mit ihren sieben Geschwistern am Kauf des Bauernhofs zu beteiligen. Julianas Idee ist es, auf diese Farm zu ziehen, ein Holzhaus mit Unterkünften zu bauen, um Touristen empfangen zu können, die Natur, Vegetation und Flüsse statt Fast Food und Internet suchen. „Letzte Woche haben wir zum ersten Mal Touristen auf dieser Farm empfangen, und sie waren begeistert“.

„Ich habe mehrere Projekte“, fasst Juli zusammen, „das Grundeinkommen hat mir geholfen, sie umzusetzen. Zuerst ermöglichte es mir, zusammen mit Gabriela die Verbesserungen in Parwa vorzunehmen. Aber dieses Projekt steht jetzt auf eigenen Füßen. Die letzte Überweisung von 250 Dollar wird im Juni, also in drei Monaten, erfolgen. Aber ich bin schon super vorbereitet auf die Zeit danach“.

Motivation, die ansteckend ist

Obwohl die Jüngste, ist es Juliana gelungen, ein Lebensprojekt ihrer Geschwister voranzubringen: den gemeinsamem Kauf der Farm. „Was mich sehr stark geprägt hat, ist, dass meine Geschwister voller Träume waren und noch sind: Biolandwirtschaft, Ökotourismus, Leben mikt dem Wald. Aber es war sehr schwierig für sie, ihre Projekte zu realisieren, nicht zuletzt wegen des fehlenden materiellen Lebensunterhalts, sodass sie meist Wegen einschlagen mussten, die sie von ihren Projekten entfernten statt näherzubringen“, sagt Juliana. Dies war für Juliana Motivation genug, um sich auf ihre Ziel zu konzentrieren. „Ich glaube, wenn meine Geschwister ein Grundeinkommen erhalten hätten, hätten sie es auch geschafft, ihre Lebensprojekte zu verwirklichen“, resümiert Juli.

Die Finca, die sie gemeinsam gekauft haben, hat noch keinen Namen, aber Juliana hat bereits ihren Favoritennamen: „Finca de las nutrias“, soviel wie Nutriafarm, da die wasserverliebten Nutria ein ständiges Schauspiel bieten dieser Tiere; und lachend gesteht sie: „Ich denke, sie werden diesen Namen akzeptieren müssen“.

Quintessenzen für die Zukunft

1

Die Verteidigung und der Widerstand gegen die Bedrohungen des Extraktivismus und den Raubbau an der Natur erfordern die Schaffung wirtschaftlicher Alternativen, die ein harmonisches Zusammenleben als Teil des Walds ermöglichen. Juliana machts vor.

2

Das Grundeinkommen ermöglicht es, Lebensprojekte in die Tat umzusetzen, den eigenen Überzeugungen zu folgen und die Talente zu leben, die wir alle in uns tragen.

3

Oft wird angenommen, dass junge Menschen und Frauen auf dem Land die geringsten Chancen haben; diese Erfahrung steht im Gegensatz zu diesem Bild und bietet neue Perspektiven für Innovation und Zusammenarbeit.
Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen vor Ort von Michelle Ruiz, Koordinatorin des Pilotprojekts zum Bedingungslosen Grundeinkommen der Red de Guardianes de Semillas und Jorge Krekeler (Koordinator des Zukunftsalmanachs und Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo) im März 2024 ausgearbeitet. Vielen Dank an Juliana Miranda für ihre Zeit und guten Ideen sowie an Michelle, die die Einladung als Co-Autorin akzeptierte.

Autoren:

  • Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de
  • Michelle Ruiz

Layout:

  • Gabriela Avendaño.

Fotomaterial:

  • Juliana Miranda
  • Jorge Krekeler

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:

Auflage:

september 2024

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Jorge Krekeler
Michelle Ruiz
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