Zum Bedingungslosen Grundeinkommen: Das Grundeinkommen ist ein Geldbetrag, der in regelmäßigen Abständen und bedingungslos an alle Mitglieder einer Gemeinschaft ausgezahlt wird, um ihr materielles Auskommen zu sichern. Mit anderen Worten: Das Grundeinkommen soll universell, individuell und bedingungslos sein.
Das Saatgut-Netzwerk Red de Guardianes de Semillas in EKuador hat auf Einladung von Misereor akzeptiert, ein Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen in Angriff zu nehmen. Dazu wurden 60 Personen ausgewählt, die zwei Jahre lang ein monatliches Einkommen von 250 USD erhalten, wobei keine Bedingungen für die Verwendung dieser Mittel gelten.
Das Besondere an diesem Projekt ist, dass die Leute, welche beim Netzwerk mitmachen, Personen aus ihrem Umfeld als potentielle Teilnehmer des Pilotprojekts identifizierten, welche ein grosses Interesse an einem persönlichen regenerativen Transformationsprozess besitzen, um zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung zu gelangen.
Eine latente Bedrohung
Schon während der Kindheit von Juliana stellte der Bergbau eine latente Bedrohung für den Naturraum des Chocó und seoner Biodiversität dar. Wer sich gegen den Bergbau und die Ausbuetung des Mineralreichtums ausspricht, wie ihre Familie, riskiert, als Feind des Fortschritts angesehen zu werden oder sogar um sein Leben fürchten zu müssen. Doch der unermüdliche Widerstand war der Schlüssel beim Volksentscheid der Bürgerinnen und Bürger des Stadtbezirks von Quito, zu dem die Region Chocó adminsitrativ gehört, im vergangenen Jahr (2023), den Bergbau auf allen Ebenen durch ein Referendum zu verbieten. Dennoch, so Juliana, „dürfen wir nicht unaufmerksam werden, denn der Volksentscheid gegen den Bergbau berührt nicht die Rechtskräftigkeit der bereits erteilten Konzessionen in diesem Gebiet“. Es ist kein Geheimnis, dass der Edelmetallreichtum darunter Gold und Silber auch weiterhin und trotz des rechtsverbindlichen Volkentscheids das grosse Interesse derer nicht geschmälert hat, die Bodenschätze auf Kosten der Zerstörung von Wäldern und Flüssen voranzutreiben.
Getarnt als Personen, die an regenerativer Viehzucht und Wiederaufforstung interessiert sind, versuchten Leute aus der Bergbaubranche kleineren Kalibers, Farmen in der Chocóregion zu kaufen. „Aber nach ein paar Jahren“, erzählt Juliana, „war das Versteckspielen zu Ende: sie begannen, mit Maschinen Bergbau zu betreiben. Viele Menschen hier waren dafür. Es war ein schrecklicher Konflikt. Der Bergbau und seine Akteure zerstören das soziale Gefüge“. Versuche, sogar die Farm von Julianas Bruder zu kaufen, fehlten nicht. „Mein Bruder hat nicht verkauft, denn seine Farm ist sein größter Schatz. Ich glaube, das alles hat bei mir bewirkt, den Entschluss zu fassen, zu bleiben und etwas auf die Beine zu stellen, das rentabel ist, ohne das Land auszubeuten“, erzählt Juliana, die in ihrem jungen Alter gesehen hat, wie viele Nachbarn der Leichtigkeit des Geldes nachgaben, anstatt die Perspektiven ihrer Farmen bezüglich Produtkionspotential und Biodiversität zu nutzen. „Das war und ist auch weiterhin meine Inspirationen“, fährt Juliana fort, „zu sagen: Nein, ich bleibe hier und werde etwas schaffen, das gut für mich, die Gemeinschaft und für die Natur ist“.
Naturkosmetik
Um von Julianas Haus mitten im Wald zum nächsten Ort zu gelangen, gilt es, drei kleine Flüsse zu überqueren. Juliana genießt diese Route und normalerweise ist sie mit dem Fahrrad unterwegs, aber zugegeben ist der Transport der Naturkosmetikproduktion kompliziert. Dies brachte Juliana und Gabriela zum Entschluss, den Hauptsitz der Produktion nach Quito¡ in die Stadt zu verlegen, wo Gabriela’s Familie das Haus der Großeltern anbot, das in eine Laborwerkstatt umgebaut werden konnte. Zu dieser Zeit begann Juliana, monatlich das Grundeinkommen zu erhalten. Juliana erinnert sich: „Es kam wie vom Himmel gefallen; wir haben ein Renovierungsmeeting organisiert, haben Wände eingerissen, angestrichen, und haben uns eine richtig schöne Werkstatt hergerichtet“. Sie konnten auch in einen Edelstahlarbeitstisch und in dunkle Glasbehälter für ätherische Öle investieren, die für die Qualität ihrer Produkte erforderlich sind.
Der Verkauf erfolgt online, in verschiedenen Fachgeschäften in Quito und in Mindo, einem Touristenort in der Chocóregion. Juliana und Gabriela sind für alle Funktionen von Parwa zuständig und sie sind enorm stolz darauf, mit ihrem Unternehmen Kleinbauern als Rohstoffproduzenten zu unterstützen.
Jetzt hören sie auf mich
Der Erfolg von Parwa hat sich sehr positiv auf die Gemeinschaft vor Ort ausgewirkt, vor allem auf Frauen und junge Menschen, die sagen: „Wir kriegen auch etwas auf die Beine“. Es ist weder üblich noch einfach, nicht nur in Ekuador, als Frau die Möglichkeit zu haben, produktive Prozesse auf die Schiene zu bringen. Im Fall von Juliana, die nicht nur eine Frau, sondern auch die Jüngste in der Familie ist, war es von zentraler Bedeutung, ständig an Kursen und Schulungen teilzunehmen, wie beispielsweise dem von Yakunina (https://www.yakunina.com/) organisierten Permakultur- und Designkurs. Auf der familiären Farm wird seit jeher biologisch gelandwirtschaftet, ganz ohne synthetische Agrochemikalien. Bestimmte Methoden zur Stärkung der Regeneration des Bodens, der Artenvielfalt und der Verknüpfung verschiedener Aspekte hin zu einem nachhaltigen Leben, wie sie die Permakultur vorschlägt, waren trotzdem neu für Juliana. „Bei mir zu Hause“, sagt Juliana, „fingen sie an, mir zuzuhören; sie sagten, ja, Juliana weiß eine ganze Menge. Es macht mich stolz, von der anderen anerkannt zu werden“.
Lebensprojekte
„Zusammen mit meinen Geschwistern hatten wir immer die Idee, eine Farm in der Nachbarschaft zu kaufen; wir waren alle verliebt in diese Farm in Pachijal, sie ist wunderschön, hat kristallklares Wasser und ganz viel Ursprungswald. Wir wollten vermeiden, dass sie dem Bergbau zum Opfer fällt, aber es war schwierig, da wir nicht genügend Geld hatten für den Kauf“, sagt Juli über ihr jüngstes Projekt, mit dem sie sich sehr identifiziert. Als sie erfuhr, dass das Grundeinkommensprojekt um ein weiteres Jahr verlängert wird, was bedeutete, dass es 24 statt 12 monatliche Überweisungen geben würde, ging Juliana das Risiko ein und nahm einen Kredit auf, um sich zusammen mit ihren sieben Geschwistern am Kauf des Bauernhofs zu beteiligen. Julianas Idee ist es, auf diese Farm zu ziehen, ein Holzhaus mit Unterkünften zu bauen, um Touristen empfangen zu können, die Natur, Vegetation und Flüsse statt Fast Food und Internet suchen. „Letzte Woche haben wir zum ersten Mal Touristen auf dieser Farm empfangen, und sie waren begeistert“.
„Ich habe mehrere Projekte“, fasst Juli zusammen, „das Grundeinkommen hat mir geholfen, sie umzusetzen. Zuerst ermöglichte es mir, zusammen mit Gabriela die Verbesserungen in Parwa vorzunehmen. Aber dieses Projekt steht jetzt auf eigenen Füßen. Die letzte Überweisung von 250 Dollar wird im Juni, also in drei Monaten, erfolgen. Aber ich bin schon super vorbereitet auf die Zeit danach“.
Motivation, die ansteckend ist
Obwohl die Jüngste, ist es Juliana gelungen, ein Lebensprojekt ihrer Geschwister voranzubringen: den gemeinsamem Kauf der Farm. „Was mich sehr stark geprägt hat, ist, dass meine Geschwister voller Träume waren und noch sind: Biolandwirtschaft, Ökotourismus, Leben mikt dem Wald. Aber es war sehr schwierig für sie, ihre Projekte zu realisieren, nicht zuletzt wegen des fehlenden materiellen Lebensunterhalts, sodass sie meist Wegen einschlagen mussten, die sie von ihren Projekten entfernten statt näherzubringen“, sagt Juliana. Dies war für Juliana Motivation genug, um sich auf ihre Ziel zu konzentrieren. „Ich glaube, wenn meine Geschwister ein Grundeinkommen erhalten hätten, hätten sie es auch geschafft, ihre Lebensprojekte zu verwirklichen“, resümiert Juli.
Die Finca, die sie gemeinsam gekauft haben, hat noch keinen Namen, aber Juliana hat bereits ihren Favoritennamen: „Finca de las nutrias“, soviel wie Nutriafarm, da die wasserverliebten Nutria ein ständiges Schauspiel bieten dieser Tiere; und lachend gesteht sie: „Ich denke, sie werden diesen Namen akzeptieren müssen“.
Quintessenzen für die Zukunft
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Autoren:
- Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de
- Michelle Ruiz
Layout:
- Gabriela Avendaño.
Fotomaterial:
- Juliana Miranda
- Jorge Krekeler
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
- Juliana Miranda
- yulianita1002@gmail.com
- Instagram: parwa.ec
- Facebook: Parwa cosmética natural
- Red de Guardianes de Semillas – RGS




