Zwei Personen, die in den beiden Extremen von Muisne, einer Insel an der Pazifikküste Ekuadors leben, haben viel gemeinsam: Fabio Estrada und Gino Rojas. Sie sind seit ihrer Kindheit befreundet. Als die Schule vorbei war, gingen sie auf der Suche nach dem Glück unterschiedliche Wege. Vor kurzem kehrten beide nun zurück nach Muisne, um sich auf etwas ganz Besonderes einzulassen, nämlich ihr jeweiliges Lebensprojekt in Angriff zu nehmen. Hierfür entscheidend war, dass Yor Fletcher, ein Bekannter von Gino und Fabio, der beim Saatgutnetzwerk Red de Guardianes aktiv ist, wo gerade das Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen anlief, die beiden für eine Teilnahme am Grundeinkommen vorschlug. Gino und Fabio packten diese Möglichkeit am Schopf, um im Einklang mit der Natur und den Mangroven zu leben. Selbstbestimmte Leben, Regeneration des Ökosystems und Ernährungssouveränität sind angesagt.
Zum Bedingungslosen Grundeinkommen: Das Grundeinkommen ist ein Geldbetrag, der in regelmäßigen Abständen und bedingungslos an alle Mitglieder einer Gemeinschaft ausgezahlt wird, um ihr materielles Auskommen zu sichern. Mit anderen Worten: Das Grundeinkommen soll universell, individuell und bedingungslos sein.
Das Saatgut-Netzwerk Red de Guardianes de Semillas in EKuador hat auf Einladung von Misereor akzeptiert, ein Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen in Angriff zu nehmen. Dazu wurden 60 Personen ausgewählt, die zwei Jahre lang ein monatliches Einkommen von 250 USD erhalten, wobei keine Bedingungen für die Verwendung dieser Mittel gelten.
Das Besondere an diesem Projekt ist, dass die Leute, welche beim Netzwerk mitmachen, Personen aus ihrem Umfeld als potentielle Teilnehmer des Pilotprojekts identifizierten, welche ein grosses Interesse an einem persönlichen regenerativen Transformationsprozess besitzen, um zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung zu gelangen.
Die grüne Provinz
Die Pazifikprovinz Esmeraldas in Ekuador ist bekannt für ihre Mangrovenwälder, dort wo die Wälder der feuchten Chocóregión auf den Pazifischen Ozean treffen. Die Mangroven besitzen grosse Bedeutung für die biologische Vielfalt zu Wasser und zu Lande dieses Landesteils. Aber wie so oft stehen dem naturräumliche Reichtum eine Reihe von strukturellen Ungleichheiten gegenüber, die sich über Jahrzehnte hinweg immer weiter vertieft haben, und die dazu geführt haben, dass gegenwärtig vielfältige Formen von Gewalt den Alltag in der Provinz prägen. Die Aufrechterhaltung oder dem Wiedererwachen kollektiver Prozesse und gemeinschaftlichen Handelns ist eine riesige Herausforderung. Während des Besuchs bei Yor Fletcher und Cris Reyes, das Paar kam vor 21 Jahren hierher in die Region und lies sich in Caimito nieder, erzählen sie von den vielen assoziativen und genossenschaftlichen Initiativen und Projekten, welche sie unermüdlich, unter anderem in den Bereichen Produktion agrarökologischen Kakaos und kommunitärem Tourismus anzuschieben nicht müde wurden. Die Zeiten, so die beiden, haben sich geändert: heute verbringt alle Welt mehrere Stunden täglich mit dem Handy und die Regelmässigkeit kollektiven Handelns und Tun, sprich dem gegenseitigen, untentgeltlichen Helfen, geht immer weiter verloren. Das Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen, von der Red de Guardianes initiiert, hat mit den Teilnehmern dieses Projekts eine lokale Gruppe gebildet, um in Caimito und Muisne die Praxis der Zusammenarbeit wiederherzustellen.
Wege des Lebens
Gino Rojas und Fabio Estrada sind seit der Schulzeit befreundet. Beide stammen aus Muisne, einer Insel an der Pazifikküste Ekuadors. Dann trennten sich ihre Lebenswege. Gino schafft es bis zur Uni und arbeitete danach in verschiedenen Branchen, auch in der öffentlichen Verwaltung. Fabio ging, auf der Suche nach einer besseren Zukunft, wie so viele andere Menschen, in die Hauptstadt Quito, und arbeitete dort in verscheidenen Jobs. Irgendwann hatten beide die Nase vom Leben und Malochen in der Stadt voll und kehrten nach Muisne und die Küste zurück. Sie sind sich einig darin, dass es darum geht, zu versuchen, selbstbestimmt und ohne grössere Abhängigkeiten zu leben. „Ich ziehe es vor, hier zu leben, mein Essen selbst zu produzieren und nach meinem Rhythmus und der Natur zu leben, anstatt für andere zu arbeiten und alles kaufen zu müssen“, erzählt Gino.
Lebensqualität statt Konsumrausch und Hamsterrad
Gino lebt derzeit in einem kleinen Häuschen, welches ihm sein Nachbar überlassen hat, bis er sein eigenes Holzhaus auf seiner kleinen Farm direkt am Strand fertiggestellt hat. Die Farm, viereinhalb Hektar Land hat er von seinem Großvater geerbt. Sein Onkel hatte vorher ein Teil verkauft; dies ist üblich, wenn Leute in die Stadt ziehen und Kapital brauchen. „Wir alle wollen alles mögliche haben, ohne hierfür unsere Komfortzone zu verlassen“, sagt Gino und fährt fort: „aber mit dem Gehalt, das man normalerweise verdient, kommt man nicht weit; das ist wie eine Sackgasse“. Für Gino war 2017 hiermit Schluss. Er traf die Entscheidung, auf und von der Farm zu leben. „Ursprünglich war meine Idee, Kokospalmen in Monokultur zu pflanzen. Ich hatte bereits 200 Palmen gepflanzt, als ich an einem Festival des Saatgutnetzwerks Red de Guardianes teilnahm und die Nase an Agrarökologie, ökosystemische Regeneration und standortgerechter Landwirtschaft kriegte. Das Wissen und die Impulse, die ich von dieser Veranstaltung mitbrachte, überzeugten mich, meine Herangehensweise zu ändern, und so entschied ich mich, einen Bosque Comestible, also eine Obst-Gemüse-Baummischkultur anzulegen statt eine Kokospalmenmonokultur“.
Muisne, einst eine Insel mit Mangrovenwäldern, ist heute von Garnelenfarmen und afrikanischen Ölpalmenmonokulturen regelrecht heimgesucht und ökosystemisch arg fragmentiert. Die Monokulturen sowie der starke Einsatz von Agrarchemikalien, gerade bei der künstlich induzierten Krabbenzucht hat vermehrt Schädlinge auf den Plan gerufen; dies wiederum führte zu noch grösserem Chemieinput: ein Teufelskreislauf. Gino war der einzigste, der sich der Praxis widersetzte, die befallenen Kokospalmen mit Chemikalien zu „retten“. Er hat mittlerweile neben den Palmen eine Vielzahl von Obstbäumen gepflanzt und kontrolliert die Bodenfruchtbarkeit und einsetzenden Krankheitsbefall mit eigenen Rezepten und dem Einsatz von natürlichen Fermenten darunter auch Urin. Auf diese Weise ist es Gino gelungen, dem Absterben seiner Kokospalmen vorzubeugen. „Es hat immer grössere Areale mit fast ausschliesslichem Kokospalmenbestand gegeben, die keine grösseren Probleme aufwiesen, da sie Bestandteil eines biodiversen Systems waren“, erklärt Yor, er ist Biologe. „Es gab ein Gleichgewicht”.
Gino träumt davon, die Ernährungssouveränität wiederherzustellen, die das lokale Ökosystem einst auszeichnete und seine Hängematte zwischen den selbst geplanzten Bäumen aufzuhängen, um die Früchte der jeweiligen Jahreszeit zu geniessen. Die Vielfalt an tropischen Früchten auf seiner Farm ist das Ergebnis des Tauschs von Saatgut und Setzlingen mit anderen Mitgliedern des Netzwerks Red de Guardianes sowie der Clínica Ambiental, übersetzt etwa Umweltklinik, einem permakulturellen Kollektiv im ekuatorianischen Amazonasgebiet. „Ich bin fast so weit, mein Haus fertig zu stellen, damit ich auf meine Farm umziehen kann; ich habe sogar schon die Bäume vor meinem kleinen Haus identifiziert, an denen ich meine Hängematte aufhängen werde“, erzählt Gino. Die wirtschaftliche Grundlage der Farm ist neben der Produktion für den Eigenbedarf der Verkauf von Kokosnussöl, das auf traditionelle Weise verarbeitet wird, und von Cocadas, geraspelte Kokosflocken in Zuckerrohrmelasse als Gebäckform – eine Delikatesse.
Wenn das Talent zum Job wird
„Durch meine Teilnahme am Grundeinkommensprojekt habe ich die grosse Chance, meine zukünftige Existenzgrundlage zu schaffen und kriege auch meine sonstigen Verpflichtungen gestemmt“. Gino hat eine Tochter, die bald die Schule abschließen wird und der er jeden Monat Geld schickt. „Ohne das Grundeinkommen könnte ich mich nicht um die Farm und die zukünftige Produktion kümmern. Jetzt mach ich dass, was ich eigentlich schon immer machen wollte, dies aber aus unterschiedlichen Gründen nie auf die Reihe kriegte“. Gino hat die durch das Grundeinkommen für ihn frei verfügbare Zeit sehr gut genutzt, indem er begann, sein Talent zu leben und eine nachaltig und sinnstiftende Existenzgrundlage zu schaffen. „Am Anfang überkamen mich mitunter Zweifel, ob ich es schaffen werde und ob die Zeit der Grundeinkommens reicht. Mittlerweile bin ich recht zuversichtlich.“ Die Kokospalmen und einige der Obstbäume tragen bereits Früchte und werden zunehmend Ginos Lebensunterhalt und wirtschaftliche Unabhängigkeit garantieren.
Ich mache, was ich will
Als wir Fabio am anderen Ende des Strands von Muisne besuchen, erzählt er uns etwas über sein Leben. Er lebte fast zehn Jahre lang in Quito, wo er sich in verschiedenen Jobs verdingte und mit Verwandten ein Restaurant betrieb. Aber das Leben in der Stadt gefiel ihm nicht, er vermisste die Natur: „Du kannst Dir vielleicht einen festen Job angeln, aber dadurch lebst Du noch lange nicht in Ruhe und in Frieden“. Mit seinen Söhnen Miguel und Daniel, inzwischen Teenager, kehrte er in seine Heimat nach Muisne zurück. „Jetzt tue ich, was mir gefällt: ich lebe in Ruhe, produziere mein eigenes Essen und entscheide selbst über meine Zeit; das ist für mich Lebensqualität“. Das Grundeinkommen war der letzte Anstoß, den Fabio brauchte, um in die Mangrovensümpfe, an den Strand und zu den Meeresschildkröten nach Muisne zurückzukehren. Die örtliche Zweigstelle des Umweltministeriums ernannte ihn zum Freiwilligen, da er mehr über die Meeresschildkröten, ihren Nist- und Schlupfprozess weiß als die Behörde selbst.
Fabio hat die Mittel aus dem Grundeinkommen in den Bau von zwei Hütten zur Unterbringung und Verpflegung von Touristen investiert: Sein Projekt heißt Muisne Exótico. Er zweifelt nicht daran, dass der Tourismus und die Lebensmittelproduktion ihm eine nachhaltige wirtschaftliche Stabilität ermöglichen werden. Auch Fabios Mutter ist aus Quito zurückgekehrt; Doña Francisca ist eine der besten Kennerinnen der einheimischen Küche, und zusammen mit Fabio empfangen sie jedes Wochenende Gäste am Strand, um sie mit typischen lokalen Gerichten zu bewirten; gerade überlegen sie, für Touristen auch Kochkurse der lokalen Küche anzubieten. Fast alles, was auf den Tisch kommt, stammt von hier: der Fruchtsaft aus dem Garten, die Muscheln aus dem Mangrovenschlick und der Fisch, oft von Fabio und seinen Söhnen gefangen; der Fluss, um in den Pazifik zu münden, teilt sich in zwei Flussarme und lässt so Muisne zur Insel werden.
Eigene Frau oder Herr sein
„Wenn Du ein klares Lebensprojekt hat, hilft die Grundeinkommensunterstützung total“, erklärt Fabio. Er hat Werkzeuge gekauft, darunter eine kleine Motorsäge; einen großen Teil des Holzes für die Hütten hat Fabio dank dieser Säge aus den dicken Baumstämmen recycelt, die die Flut an den Strand spült. Fabio besitzt ohne Zweifel ein Talent, Potenziale zu erkennen, und er versteht es, diese Potenziale zu erschliessen. Auf dem Teil seiner kleinen Farm, der an die Mangrovensümpfe grenzt, hat er mit wenig Aufwand und Eingriffen eine ökologische Garnelenzucht aufgebaut, ein natürliches Becken mit einem kleinen Damm, der den Anstieg des Wasserspiegels entsprechend der Flut herein- und herauslässt.
Die beiden Söhne von Fabio kleben natürlich wie überall an ihrem Handy (die beiden teilen sich eins), aber gleichzeitig kommt das Projekt von Fabio auch bei ihnen an, sodass sie auch mitmischen oder einfach auch Dinge gemeinsam machen; so gehen sie morgens gemeinsam die vier Kilometer Strand zur Schule und Fabio macht dann seine Erledigungen im Ort. Das ist außergewöhnlich in einem Umfeld, in dem kriminelle Banden häufig junge Menschen anziehen und das soziale Gefüge zerrütten.
Un proyecto, aún pendiente para Fabio y su familia es la compra de una canoa un poco más grande para poder llevar a los turistas de pesca al río; con Doña Francisca quieren ofrecer también cursos culinarios donde los visitantes pueden aprender cómo se preparan los manjares de la cocina afroesmeraldeña.
Ein Projekt, das Fabio und seine Söhne noch vor sich haben, ist die Anschaffung eines etwas größeren Kanus, um Touristen zum Angeln auf den Fluss mitnehmen zu können. Zum Abschluss bringt Fabio es auf den Punkt: „Gut essen, sich wenig Sorgen machen und seine Zeit kontrollieren und managen, ohne von anderen abhängig zu sein und sein eigenes Talent leben – für all das brauchen wir Ernährungssouveränität“.
Quintessenzen für die Zukunft
1
Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein enormer Katalysator für regenerative Projekte zur Sicherung des Lebensunterhalts. Dabei spielen auch das Gemeinwohl und der Lebenshabitat Natur eine orientierende Rolle.
2
Ein stärker eigenbestimmtes Leben, ganz nah am eigenen Talent und in Richtung Lebensprojekt ist ein Privileg, das durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, auch wenn es betragsmäßig und zeitlich begrenzt ist, in ergreifbare Nähe rückt.
3
Autoren:
- Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de
Michelle Ruiz michellerzand@gmail.com
Layout:
- Gabriela Avendaño.
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
- Javier Jaramillo
- Jorge Krekeler
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
Gino Rojas
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Fabio Estrada
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