Ein verstecktes Tal
Anderthalb Autostunden nordöstlich von Bogotá, in einem versteckten, etwa 7.800 Hektar großen Zwischental auf 2.650 Metern Höhe, umgeben von Paramos, der andinen Variante von Hochmooren und ganz wichtige Wasserspeicherreservoire, liegen die etwa 25 als Streusiedlung verteilten Gehöfte. Landschaftliche Idylle, die in der Vergangenheit dazu führte, dass einige Besucher, reiche Städter, Land kauften, um ihr Wochenendvillas zu plazieren. Mittlerweile gibt es aber schon keine als Bauland ausgewiesene Parzellen mehr und die Einheimischen sind stärker zusammengerückt. Zwei kleine Bäche, die von den Paramos herabfließen, vereinigen sich an einem zentralen Punkt im Tal; sie sind die Adern, die die saftigen Weiden speisen, auf denen schwarz-weiß geflecktes Milchvieh weidet.
Von weitem sind zwei besondere Gebäude gut auszumachen; eines mit einem großen, roten, halbrunden Dach, bei dem es sich zweifelsohne um eine Schule handelt. Das andere, das beim Näherkommen zwei miteinander verbundene Gebäude darstellt, ist der Sitz der Molkereigenossenschaft COLEGA und die Käserei HolaAndes. Bei der Namensfindung wurde Kreativität und Identität grossgeschrieben: COLEGA, wörtlich übersetzt KollegIn, steht als Abkürzung für COoperativa de LEcheros de GuAtavita. HolaAndes ist ebenso ein Wortspiel, denn es kann als Hallo Anden verstanden werden wie auch als Holländisch, denn der produzierte Käse ist ein vorzüglicher Gouda. Der grosse Platz am Einfahrtstor besitzt eine Zementdecke und so kann selbst bei einem wolkenbruchartigen Regen täglich morgens zwischen 6 und 7 und dann nochmals ab 4 nachmittags die gerade frisch gemolkene Milch abgeliefert werden. Die Milchproduktion konnte durch einen kontinuierlichen Prozess der genetischen Rassenanpassung sowie durch ein Weideflächenmanagment verbessert wurden; die von der Kooperative schrittweise eingeführten verbindlichen Qualitätspraktiken waren hier Ansporn genug. Auf diese Weise gibt eine Kuh täglich zwischen 18 und 24 Liter qualitativ hochwertige Milch.
Ein bescheidener Stolz schwingt in der Stimme der meisten Personen mit, wenn sie ihre Milch abgegeben haben und noch einen Moment bleiben, um einen Tinto, den obligatorischen mit Zuckerrohrmelasse gesüssten kolumbianschen Kaffee zu trinken und ein kleines Schwätzchen mit Ihresgleichen, unter dem Vordach des großen Versammlungsraum sitzend, halten.
Nichts da von wegen Generationswechsel
José Ignacio Tamayo, Geschäftsführer von COLEGA seit den Anfängen, ursprünglich Autosportjournalist und Publizist, kam vor 38 Jahren zum ersten Mal ins Dorf Monquentiva, als er die Einladung eines Geschäftspartners annahm, um mit ihm in der Zone zu angeln. Damals war die Anreise von Bogota aus mit einer ereignisreichen Fahrt auf einer kleinen Straße verbunden, die den Páramo von Guasca durchquerte. Monquentiva war für José Ignacio Liebe auf den ersten Blick. Bald kaufte er ein kleines Grundstück und begann, für sich und seine Frau Hilda ein Häuschen zu bauen. Doch José Ignacio genoss nicht nur die Landschaft und die Gesellschaft seiner bäuerlichen Nachbarn, sondern trat auch in einen fruchtbaren Dialog mit sich selbst, mit seiner Familie und, immer wieder mit seinen Nachbarn in Monquentiva. All dies brachte José Ignacio dazu, in seiner Mind Map eine vielversprechende Zukunft für die Menschen vor Ort zu sehen. Der Schlüssel in diese Zukunft bestand im Transformatinsdesign von José Ignacio darin, dass sich die Menschen hinsichtlich ihrer existenzsichernden Aktiviktäten, allem voran der Milchviehwirtschaft zusammenschließen, um die verhältnismässig kleinen Mengen an Milch zu einem fairen und stabilen Preis abzugeben oder selbst weiterzuverarbeiten.
José Ignacio tat sich um und seine Umtriebigkeit führten ihn zu COLANTA, einer großen Molkereigenossenschaft von nationaler Bedeutung, die Milch unter strengen Qualitäts- und Compliance-Verpflichtungen kauft. So begann ein Prozess der Genossenschaftsbildung, der sich unter den Milchbauernfamilien von Monquentiva ausbreitete, bis dann vor 24 Jahren die Genossenschaft COLEGA formell gegründet wurde. Im Laufe der Zeit kam es ausgehend vom Beispiel in Monquentiva dazu, dass auch Genossenschaften in mehreren Nachbardörfern entstanden und schliesslich kam es zum Verband der Molkereigenossenschaften von Guatavita ASOLEGA, dem 600 Bauernfamilien angehören; es handelt sich um eine Organisation der Solidarökonomie der zweiten Ebene mit regionaler und nationaler wirtschaftlicher, politischer und ökologischer Bedeutung.
José Ignacio Tamayo und Elías Romero gehören zu den 24 Pionieren, die im Laufe der Jahre und dank des genossenschaftlichen Prozesses eine Heranführung neuer Generationen, eben der Kinder und Enkel an die Philosophie des Genossenschaftswesens vorangebracht haben. Die Nachwuchsarbeit vermittelt auf ludische Weise Begriffe und Werte wie Assoziativität, Reziprozität und Solidarität, Identität und Territoriale Verortung.
Auf die Frage, ob denn nicht so langsam ein Generationswechsel ansteht, beginnt ein Schmunzeln im Gesicht von José Ignacio: „Ich ziehe es vor, von Integration, und einem Miteinander statt Nacheinander und einem generationsübergreifendem Ko-Working zu sprechen“. Diese Erklärung spiegelt eines der Leitmotive von COLEGA wider: an der Vorbereitung neuer Führungskräfte unter den jungen Leuten der Genossenschaft zu arbeiten. In der Tat sieht man im kooperativen Alltag auch viele junge Gesichter, Frauen, junge Familien. Im Gespräch mit ihnen erfährt, wer neugierig ist, dass einige von ihnen in der Stadt gelebt und gearbeitet, teils an der Uni studiert haben. Die Allermeisten sind zurüchgekommen oder sind von vornherein geblieben, und dies nicht, weil sie keine Gelegenheit hatten, wegzugehen. Nicht eben wenige haben Abschlüsse der Fernuni in der Tasche.
Wachsen, aber natürlich
Die Käsemanufaktur als Gemeinschaftsunternehmen COLEGA – HolaAndes nimmt täglich ein Drittel und saisonal bis zur Hälfte der gesamten Milchproduktion der Genossenschaft ab. Die Nachfrage des produzierten Gouda-Käse, ob natuerbelassen oder mit Pfeffer, Senf oder Thymian wächst erfreulich gut. Aber auch hier heisst das Motto: Qualität vor Quantität.
Der delikate Gouda-Käse reift im hinteren Gebäudetrakt, wo die Käserei ihre Räumlichkeiten hat. Der Käse erfreut sich in Bogotá einer erlesenen Kundschaft, zu der Gourmet-Restaurants, Feinkostläden und Privatkunden gehören. Ángela Díaz und Laura Peña gehören zur jüngeren Generation von COLEGA und arbeiten in der Käserei. Laura sagt mit einem breiten Lächeln im Gesicht: „Ich liebe meine Arbeit in der Käserei“. Ángela, eine Zootechnikerin, fügt hinzu: „Es ist schwer, in der Stadt eine ähnliche Arbeit zu finden“.
Gutes Leben und das auf dem Land…
Quintessenzen für die Zukunft
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In Monquentiva gibt es ein funktionierendes Rezept, um Mehrgenerations-Coworking auf die Reihe zu bekommen und dies im Zukunftsmodus. Mehrere Generationen unter einem gemeinsamen Dach, und doch jeder mit seinem Freiraum. Und junge Menschen, die sich für ihr Lebensprojekt auf dem Lande entscheiden, und sicherlich nicht aus Ermangelung von Möglichkeiten anderswo.
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Die Erfahrung von COLEGA zeigt, dass es alternative, harmonischere Wege gibt, die ein enormes Potenzial für die Zukunft bieten, insbesondere für die jüngeren Generationen, anstatt den Wettlauf um immerwährendes Wachstum zu akzeptieren.
Der Text wurde, ausgehend von Besuchen und Gesprächen in Monquentiva Ende Oktober 2023 von Mauricio Gnecco (Initiator des Campus Universitas und Komplize des Zukunftsalmanachs) sowie von Jorge Krekeler (Koordinator von Jenseits von Morgen – Zukunftsalmanach – Berater Misereor im Auftrag von Agiamondo) verfasst. Unser grossser Dank an Elías Romero, Präsident, und José Ignacio Tamayo, Geschäftsführer der Cooperativa de Lecheros de Guatavita COLEGA, sowie an alle Mitwirkenden und Familien der Kooperative für ihre Zeit und ihre Offenheit gegenüber der Neugierde des Besuchs des Almanachs der Zukunft.
Autoren:
- Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de
- Mauricio Gnecco y Jorge Krekeler jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño.
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
Mauricio Gnecco
Jorge Krekeler
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
José Ignacio Tamayo y Elías Romero
Gerencia und Presidencia von COLEGA
Facebook: ColegaMonquentiva
HolaAndes
Quesería Artesanal Monquentiva
Instagram: quesería_holandes




