Da spricht der Theoretiker
Mehr oder weniger mit diesen Worten kritisierten die Gegner Luís Gomero, promovierter Agrarwissenschaftler, Unidozent, leidenschaftlicher Tüftler, vor allem aber bedingungsloser Transformer und Überzeugungstäter in Sachen alternativer Landwirtschaft, wenn er den inflationären Einsatz von Pestiziden in Frage stellte: „Mittel, die töten“, wie er es ausdrückt(e). All dies begann vor mehr als 30 Jahren, und das Thema ist beiweitem noch nicht vom Tisch. Vor mehr als 20 Jahren kaufte Luis, gebürtig aus Ancash im andinen Norden Perus, 4 Hektar Land im Chillon-Tal, nördlich der Metropole Lima, an der Straße Lima – Canta. Seine Chacra, übersertzt soviel wie Scholle, wie Luis seine Farm nennt, hat er HECOSAN getauft. Ein Wortspiel zwischen Helen und Sandy, seinen beiden Töchtern und der Ecologia, eben der Ökologie. Neben einer Vielzahl von Gemüsesorten, rotem Mais, Meerschweinzucht und Technologien wie einer Biogasanlage, Kompostierung, Wurmkultur und vielem mehr, dient die Farm gleich mehreren Zwecken. Hier produziert man gesunde Lebensmittel, die auf einen Stand eines städtischen Markts in Lima sowie auch auf dem Biowochenmarkt in Carabayllo verkauft werden. Es kommen Personen und ganze Gruppen zu Besuch, um die Welt der agroökologischen Landwirtschaft und der Tierzucht kennenzulernen. Gleichzeitig ist es ein Ort, wo neben der Produktion und Weiterverarbeitung auch geforscht und experimentiert wird. Und dann ist HECOSAN ist in gewisser Weise auch die Heimat der RAAA. Das Netzwerk widmete sich zunächst dem Kampf gegen Pestizide, erweiterte aber später seinen Schwerpunkt auf die alternative Landwirtschaft. In den ersten Jahren fungierte das Netzwerk als NRO, aber seit mehr als zehn Jahren hat das Team, bestehend aus Luis, Francisco Quispe, Héctor Velásquez, Roger Flores und, im Rahmen des Generationswechsels, Judith Vargas, damit begonnen, ihre eigenen Ressourcen zu generieren, indem sie Ausbildungs- und Kapazitätsaufbaudienstleistungen, Forschung und seit kurzem auch eigene Produktionslinien betreibt.
Von Pestiziden, guter Praxis und den Nachbarn
Luís stattet heute seinem Nachbarn einen Besuch ab. „Auf dem Weg dorthin können wir uns vergewissern, dass keine Behälter mit giftigen Agrochemikalien im Bewässerungskanal herumliegen“. Einmal die Woche bekommt die Farm von Luis Wasser aus dem Bewässerungssystem, welches über ein ausgeklügeltes Kanalsystem zugeleitet wird. Eigentlich sagt die Vorschrift, dass leere Agrachemikalienbehälter mehrfach mit Wasser ausgespült werden sollten, bevor sie als Sondermüll an die Verkaufsstelle zurückgegegeben werden. Die Realität sieht dagegen anders aus. Überall liegen Verpackung und Behälter herum. Anders als beispielsweise in Ecuador sind die Vorschriften in Peru nicht rechtsverbindlich und Verstösse können legal nicht geahndet werden. Während Luís all dies erklärt, hebt er einen der weggeworfenen leeren Behälter hoch: „Dank zahlreicher Kampagnen ist es uns gelungen, die Agrarbehörden dazu zu bringen, die Einfuhr des Pestizids Chlorpyrifos zu verbieten, dessen Verwendung in den USA und der Europäischen Union seit Jahren wegen seiner unannehmbaren Risiken für Mensch und Umwelt verboten ist. Aber es gibt noch andere Agrotoxine wie die neurotoxischen Insektizide, die Neonicotinoide enthalten; das sind Pestizide, die Insekten töten, indem sie ihre Nervenzellen angreifen und dabei den Orientierungssinn von bestäubenden Insekten wie Bienen beeinträchtigen“.
Für viele Landwirte im Chillon-Tal ist es ein Problem, mit weniger oder gar keinen Pestiziden zu produzieren, da ihre Parzellen direkt an die Parzellen der Nachbarn angrenzen, die den gesamten konventionellen Chemiecocktail anwenden. Grey Vargas, ein Nachbar von Luís, erklärt: „Wenn man auf offenem Feld produziert, kann man organische Düngemittel ausbringen und an der Fruchtbarkeit des Bodens arbeiten, aber man bleibt nicht vor den Chemiewolken verschont; dafür sorgen die Nachbarn“. Aufgrund der Nähe zu Lima mit seinen mehr als zwölf Millionen Einwohnern kommt dem Chillon-Tal mit seinen fruchtbaren Böden und ausreichender Bewässerung eine lukrative Stellung zu und so wundert es nicht, dass bei extremem Agrarchemikalieneinsatz sehr intensiver Gemüseseanbau betrieben wird. Sieben von zehn Produzenten setzen sehr viele Agrotoxika ein, zwei produzieren nicht, sondern verpachten ihre Parzellen, und die in der Regel für nur ein Jahr Pachtenden versuchen, ihren Gewinn durch intensiven Einsatz von Agrotoxika zu maximieren. So kam bislang nur eine kleine Gruppe von dreißig bis vierzig Frauen und Männern als Produzenten zusammen, die agrarökologisch und sauber produzieren oder sich auf dem Weg dorthin befinden. Luis und auch Judith, die von Luis ein kleines Stück Land auf der Farm gepachtet hat, gehören diesem Zusammenschluss ökologischer Produzenten des Chillon-Tals an. Héctor und Roger, beide Mitglieder der RAAA, begleiten und unterstützen diese Vereinigung. Roger besucht zusammen mit Bertha Cruz, einer Mitarbeiterin der Gemeinde Carabayllo, Produzenten im Chillon-Tal für agraökologischen Anbau und die Teilnahme an der Vereinigung zu interessieren. Bertha gelang es ausserdem, die Gemeinde dazu zu bewegen, der Produzentenvereinigung einen festen Platz zuzuweisen, an dem jeden Samstag ein Biowochenmarkt abgehalten wird. Die meisten der Mitglieder der Vereinigung, wie Yanina Loayza, eine absolute Agrarökologin, verkaufen auf diesem Wochenmarkt ihre Produkte, garantiert frei von Agrochemikalien. Héctor begleitet die etwa 15 Erzeuger der Vereinigung, die sich um eine Zertifizierung ihrer biologischen Produktion beworben haben. Héctor erklärt: „Die Menschen sind es gewohnt, nur sehr wenige Sorten anzubauen; eine vielfältige Produktion, wie sie in der alternativen Landwirtschaft üblich ist, ist daher eine Herausforderung“.
Senior Influencer
Von Ethik und Essen
HECOSAN ist eine ganzheitlich produzierende Farm, wo die Prinzipien der Agrarökologie wie Diversifizierung der Kulturen und der Produktion, Recycling, Widerstandsfähigkeit, Ernährungssicherheit, biologische Vielfalt zur Anwendung kommen. Die RAAA bietet Kurse, geführte Praktika und Beratung an, betreibt gleichzeitig Forschung, richtet Plätze für Diplomanten ein und mischt auch bei Start Ups mit. Die Pläne für die Gründung eines Technologieinstituts für Agrarökologie auf der Farm sind weit fortgeschritten. Das Interesse und die Nachfrage des Publikums, von Kleinproduzenten bis hin zu Beamten von Ministerien, Universitäten, Internationaler Zusammenarbeit und der lokalen Agrarindustrie ist vorhanden. Die Produktionsinfrastruktur, Versuchsanlagen und Verwaltungsräumlichkeiten sind bereits vorhanden. Unterrichtsräume, Toiletten und Unterkunftskapazitäten werden bald gebaut, womit das Institut an den Start gehen kann. Luís und Héctor unterrichten beide als Unidozenten und sind sich einig. „Der Trend und die Nachfrage nach Ausbildung geht immer mehr zu kurzen Kursen mit Intervallen zwischen Theorie und Praxis, Forschung und Experimentieren“. Als Ergebnis der jahrelangen Betriebspraxis und Forschung schaffte es die RAAA, durch schlagkräftige Argumente agrarökologische Themen zu puschen und sie so auf die politische Tagesordnung des peruanischen Landwirtschaftskongresses (CONVEAGRO), des repräsentativsten nationalen Agrarforums des Landes, zu bekommen. Damit aber nicht genug. Mehrfach entfachte die RAAA einen öffentlichen Druck auf den SENASA, dahinter steckt der nationale landwirtschaftliche Gesundheitsdienst Perus, damit auch von staatlicher Seite zumindest minimale Standarts in Bezug auf Reduzierung von Agrarchemikalieneinsatz sowie Einhaltung von Best Pratices eingefordert werden, vor allem aber bäuerliche Familien beim Übergang zu einer sauberen, agrarchemikalienfreien Produktion zu unterstützen. Das jüngste Ergebnis dieser Art von Druck: SENASA schult jetzt Kleinbauern im Chillon-Tal in biologischer Schädlingsbekämpfung. Luís fasst zusammen: „Was wir in HECOSAN in Bezug auf Produktion, Experimenten und Forschung, sowie getesteten Alternativen tun, öffnet uns die Möglichkeit, unsere News zu sozialisieren, Neugierde zu wecken und Debatten auszulösen. Es kommt auf Argumente und nachgewiesene Rentabilität, Wissensdialog und gute Praktiken an. Saubere Produktion und gesunde Nahrungsmittel brauchen umumgänglich Kanäle des Direktverkaufs, sonst funktioniert es nicht; und je mehr verschiedene Einflusskanäle, um so besser“.
Dunkle Wolken und neue Herausforderungen
Die Behörden des Großraums Lima und Carabayllo, die für die Regulierung der Bodennutzung des Chillon-Tals zuständig sind, stoppen in keinster Weise die schleichende illegale Urbanisierung. Dazu Francisco Quispe, ein weiterer Mitstreiter der RAAA: „Die Politiker und so auch die Verwaltung machen überhaupt nichts und schauen dem Treiben nur zu. Seit Jahren findet eine heimliche, aber massive städtische Invasion statt, die immer mehr Ackerland in der Region in Beschlag nimmt“. Luís fügt hinzu: „Wir brauchen eine Flächennutzungsplanung mit ökologischen und wirtschaftlichen Kriterien“.
In der agrarökologischen Landwirtschaft gibt es keinen Restmüll, solange es gute Ideen, Experimente und Forschung gibt… so lautet eines der Mottos des Kollektivs mit Luis an der Spitze.
Quintessenzen für die Zukunft
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Autoren:
- Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
- Luís Gomero
- Red de Acción en Agricultura Alternativa
- Jorge Krekeler
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