Zwischen Migration und Bodenständigkeit
Don Javier Soto ist einer der Mitstreiter des Gartenbaukollektivs; sichtbar stolz zeigt er seinen Gemüsegarten. Er hat neben dem Stück Land hier in Catachilla auch Landschollen im tropischen Chapare und in Buenvista, im östlichen Tiefland Boliviens. „Seitdem ich hier in Catachilla mit dem agro-ökologischen Landbau begonnen habe“, führt Javier aus, „bleibt mir eigentlich überhaupt keine Zeit mehr, um viel unterwegs zu sein. Der Gemüsegarten verlangt eine fast tägliche Pflege und die Leute kommen bereits zu mir, um meine Produkte zu kaufen“. Der Gartenbau hat Javier wieder stärker sesshaft werden lassen.
Die Gruppe der Öko-Gärtner besteht aus zur Zeit 14 Personen, zumeist Frauen, die aufgrund der anhaltenden Dürre, bei der 80 Prozent der Ernten verloren gingen, in die Stadt abgewandert sind und von denen viele jahrelang als Arbeitsmigranten in Spanien verbrachten. Gemein haben sie, dass ihnen das Land eine grössere Lebensqualität bietet, jenseits aller städtischen Verlockungen und vordergründiger Herausforderungen der Ruralität; deshalb sind sie, nicht wenige von ihnen während der Pandemie, zurückgekehrt. Lidce Vidal ist eine der dynamischsten Personen der Gruppe : „Wir haben als Familie in der Stadt gelebt, aber wegen unserer Kinder als auch wegen uns Erwachsenen haben wir beschlossen, zurückzukehren, weil wir uns hier wohler fühlen, ob klein oder gross“. Das Gärtnern wie die Landwirtschaft schlechthin ist wegen der Klimakrise ein sehr komplexes Thema: die Notwendigkeit, Regenwasser aufzufangen, auf Tröpfenbewässerung umzusteigen, in kleinerem Maßstab anzubauen und mit Halbschattennetzen zu gärtnern; ausserdem gilt es, diejenigen einheimischen Sorten herauszufiltern, die widerstandsfähiger gegen Trockenheit als auch Kalttwetterfronten sind. Auch die Herstellung und Anwendung organischen Düngers sowie biologischer Schädlingskontrolle sind für viele Neuland.
Roger Maldonado und Tania Ricaldi vom Zentrum für Postgraduiertenstudien der staatlichen Universität San Simón in Cochabamba begleiten die Gruppe vom Beginn an: „Dieser Prozess begann zweifelsohne mit Projekten der Universität“, erklärt Roger „aber seit geraumer Zeit hat das Kollektiv die Regie voll übernommen und steuert den Prozess“.
Horizontverschiebung
Begonnen hat alles 2015 als die Uni Cochabamba eine Projektfinanzierung durch die Schweizer bilaterale Kooperation ergatterte. Dabei ging es um die Stärkung agrarökosystemischer Kapazitäten in einer Reihe von Munzipien von Cochabamba, darunter auch Santivañez. Die ursprüngliche Projektkonzeption sah als Interventionsmaßstab grössere Parzellen und ganze Felder vor. Aber angesichts der klimatischen Notsituation mit anhaltenden Dürren, der Erschöpfung der Grundwasservorräte und anderer klimatischer Extremereignissen wie Frost und Hagelschlag, die zu einer massiven Abwanderung vom Land in die Stadt und sogar zu transkontinentaler Arbeitsmigration führen, war es nicht möglich, an der ursprünglichen Projekthypothese festzuhalten. Tania Ricaldi als Projektkoordinatorin gelang es zunächst, die für gewöhnlich sehr starrhalsige Univerwaltung dazu zu bewegen, der eidgenössischen Kooperation eine Änderung des Projektschwerpunkts abzuringen. Die Verlagerung des Projektschwerpunkts kam einer Horizontverschiebung gleich, da nun statt grossflächige Parzellen oder Felder Gemüsegärten in den Fokus rückten; gleichzeitig drehte sich das Projekt nun um Halbschattenspender, Tröpfenbewässerung und Maschendrahtzaun, um das Eindringen von Haustieren in die kleinflächigen Gartenbauareale zu verhindern. Dies alles machte die Umgestaltung des Finanzbudgets, auch des Maßnahmenbündels und nicht zuletzt der Forschungsausrichtung erforderlich. Die Koordinatorin auf die durchgesetzte Horizontverschiebung angesprochen, merkt an: „Ich glaube, dass es uns von Anfang an gelungen ist, die verschiedenen Aktionen und Strategien der Forschung und der Begleitung der Familien mit einer selten gesehenen Flexibilität an die sich verändernden Herausforderungen anzupassen; von Parzellen zu Gärten, unter Einbeziehung von Regenwassernutzung und Tröpfbewässerung; dann die Entfaltung der wachsenden Eigeninitiativen der involvierten Menschen, wie beispielsweise das Herausfiltern von widerstandsfähigerem einheimischen Saatgut oder der eigenorganisierte lokale agrarökologische Wochenmarkt als durchschlagender Erfolg in Catachilla. Das Saatguthaus war eine weitere Initiative der Gruppe. Als letzte der zahlreichen Anpassung während der verschiedenen Förderphasen sind noch eine Forst- und eine Obstbaumkomponente mithinzugenommen worden, da sie Vorteile in Bezug auf das Mikroklima, die Produktion von Laub für Mulch, ihren Beitrag zur Familienwirtschaft und die Nahrungsmittelvielfalt bringen; aber diese letzten Modifikationen geschahen bereits unter vollkommener Entscheidungshoheit des Kollektivs“.
Auf die Frage, wie es erreicht werden konnte, das die Ziel- und Indikatorenmatrix sowie die geplante Wirkungspyramide nicht zur üblichen Zwangsjacke der Projekte wurden, muss Tania schmunzeln und erwähnt, dass ihrer Meinung nach die ständige Anpassung aufgrund des Engagements und des schnell wachsenden Ownerships der involvierten Gruppe, daneben auch wegen der Offenheit des Forschungsteams sowie der grossen Flexibilität der Geldgeber erreicht werden konnte. Durch eine durchweg sehr gute Vernetzung der Uni Cochabamba, sicherlich ein weiterer Verdienst von Tania Ricaldi, konnten eine ganze Reihe von Sponsoren interessiert werden; so half das von Misereor geförderte nationale Netzwerk zu Klimawandel und Gerechtigkeit bei der Ausstattung des Muju Wasi, eben dem Saatguthaus; die Uni aus dem spanischen Córdoba half gemeinsam mit der italienischen Kooperation bei der Beschaffung der ersten Regenwassersammeltanks. Daneben waren zahlreiche andere NROs sowie Unis punktuell aktiv. Gegenwärtig entwickelt die Technologiefakultät der Uni Cochabamba gemeinsam mit dem Kollektiv einfache Silos zur Verringerung von Erntelagerverlusten sowie kleine Treibhäuser zur Abfederung von Hagelstürmen und Frost. Für Tania steht fest: „Dieser Prozess gehorcht schon seit langem der Dynamik der Menschen, jenseits jedes vorübergehenden Projekts“.
Vom Projekt zum Prozess
Auf der Suche nach Gründen oder einer plausiblen Erklärung, warum hier dass, was in so vielen Projektbeschreibungen als Zielvorgabe zu lesen ist, und dennoch nur sehr selten erreicht wird, nämlich die Übertragung der vollen Protagonistenrolle auf das sozioterritoriale Gefüge, in anderen Worten den involvierten Menschen liegt möglicherweise viel am konzeptionellen Ansatz des horizontalen Lernens und der Weitergabe von Erfahrungen untereinander, den ständigen Feedbacks und einer mittlerweile etablierten P2P – Kultur. In der Praxis dreht es sich um kollektives Lernen und Erfahren: es wird begonnen, erprobt, angepasst, ausgetauscht, verstanden und bei allem wird auf gegenseitiges Verstehen geachtet. Auf diese Weise werden Leistungen und Fortschritte in erster Linie als Ergebnis der eigenen Anstrengungen und die der Gruppe wahrgenommen und nicht als Errungenschaft externer Faktoren oder Inputs, die auf Inputs empfunden werden. Die ausgeprägte Selbstbestimmung der teilnehmenden Personen, die im Laufe des Prozesses zugenommen hat, unterstreicht dieses Erklärungsmuster.
Von Zufluchtsort bis familiärer Hotspot
Doña Miguelina war beim Kollektiv von Beginn an mit von der Partie. Auf ihren Garten angesprochen, kommt sie ins Schwärmen: „Der Garten ist mein Zufluchtsort gegen alle Widrigkeiten des Lebens, Balsam für Körper und Geist“. Lidce Vidal, die ebenfalls einen eigenen Garten hat und als Gutachterin am Qualifizierungsprozess des partizipativen Garantiesystems teilgenommen hat, für das sich fast alle der Mitglieder des Kollektivs beworben haben und bald bereits ihr Zertifikat erhalten werden, sagt in Bezug auf den Garten: „Es ist eine spirituelle Bereicherung, im Garten zu arbeiten und daran beteiligt zu sein, dass etwas wächst; zugleich ist es eine ausgleichsschaffende Entspannung, im Garten zu sein“. Für Doña Mariela Aguilar war die Motivation, ihren eigenen Garten anzulegen, „dass wir nicht wissen, wie viele Chemikalien man uns auf dem Markt gemeinsam mit den Ernteprodukten verkauft“. Doña Casta Choque und ihre Tochter Celia berichten: „Der Garten vereint mehrere Generationen, in unserem Fall Mutter, Tochter und Enkelin“. Für viele des Kollektivs waren der Erfahrungsaustausch und die gegenseitigen Besuche mit gärtnernden Gruppen aus anderen Landmunizipien Cochabambas wie Sipe Sipe, Japo und Pasorapa entscheidende Momente, um ihren Gartenbauprozess voranzubringen und gemeinsam über ihr Lernen und die Beziehung Mensch – Natur mit Blick auf Commons wie Wasser, Boden, Biologische Vielfalt und autochthones Saatgut, aber auch der kulturellen Ernährungsgewohnheiten und sozio-ökologischen Handlungslogiken nachzudenken.
Die Pandemie hat den Nutzen des Gartenbaus unterstrichen und hat auch verdeutlicht, wie wichtig den meisten mittlerweile Austausch und die hiermit verbundene motivierende Dynamik ist. Für Javier ist es diesen Austauschtreffen zu verdanken, „dass wir es geschafft haben, dem Saatgut Beine zu machen“; denn im Rahmen der Austausche und Besuche steht die Tauschbörse von autochthonem Saatgut ganz hoch im Kurs.
In den Bann gezogen
Das, was Lidce und Javier, Miguelina und Nélida, Nelly und Mariela, María und Casta, Francisca, Celia, Hilarión, Sofía, Brayan und Betty gemeinsam auf den Weg gebracht haben in Sachen sozio-ökologischen Resilienz findet Niederschlag in einem Kollektivwissen als frei zugängliches öffentliches Gut.
Quintessenzen für die Zukunft
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Die Mosaiksteinchen dieser Geschichte des Gelingens: Gemeinschaft leben und Kollektivgeist erzeugen, sich in eine bewusste Beziehung zu Commons wie Wasser, Saatgut, Ernährung und Kultur einzubringen, jenseits von Markt, Staat und üblichen Handlungslogiken, aus der eigenen Erfahrung und denen von anderen lernen und teilen, Produktions- und Ernährungssouveränität als politische Option verstehen – in Kurzform: sozial-ökologische Beziehungen durch Wissensaustausch und gegenseitiger Bereicherung.
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Autoren:
- Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
- UMSS-CESU
- Ida Peñaranda
- Juan Estrada
- Jorge Krekeler
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
- Lidce Vidal Hinojosa – EcoHuertos
- WhatsApp: +591 73977650
- Tania Ricaldi
UMSS – CESU- Email: taniaricaldia@gmail.com
- Facebook: UMSS – CESU

