Art 45. Elephantengras und Soziales Gefüge

In Tlacotal, Mexico-Stadt, erinnert das Kulturzentrum Las Jarillas an die ursprüngliche Landschaft und stärkt durch Selbstverwaltung, Kulturarbeit und Gemeinschaftsgeist die urbane Identität. Es steht exemplarisch für gelebte Stadtentwicklung, Generationenbindung und den aktiven Kampf ums Recht auf Stadt.
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Elephantegras ist ein Schilfrohr, das oft an sumpfigen Flussufern wächst. In México spricht man diesbezüglich von Jarillas. Tlacotal ist Nahuatl, die Sprache der Azteken und bedeutet Ort, an dem Jarillas wachsen. Tlacotal gehört zum Munizip Iztacalco, im Südosten von Mexiko-Stadt gelegen. Der Miramontes-Fluss, das damalige Wahrzeichen von Tlacotal, wurde kanalisiert und fliesst mittlerweile unterirdisch, aber Jarillas wachsen immer noch und zwar im Ökogarten des Kultur- und Nachbarschaftszentrums welches nach dem Elephantegras benannt wurde, Las Jarillas. Dieses Kulturzentrum ist ein Hotspot von Méxiko Stadt, wenn die Sprache auf Quartier-Comunity, Selbstverwaltung und Kulturarbeit in Richtung städtische Identität kommt. Entwicklung und Selbstbestimmtes Kulturleben, ganz nah an der sozialen Realität der Menschen die hier leben und wo die dritte Generation langsam einsteigt. Das Kollektiv macht vor, wie man hier wirksam für ihr Recht auf Stadt eintritt und allen Vereinnahmungsversuchen getrotzt hat.

1968

1968 und eng verbunden mit diesem Datum die Studentenbewegungen in Europa, USA aber auch in Mexiko machten ’68 zu einem Moment des Protests und des Aufbruchs in eine neue Ära, indem sie die ersten Veränderungen der alten politischen und sozialen Ordnung und des Status quo forderten und einleiteten. In dieser teils euphorischen Stimmung begannen die Jungen in der Zone Gabriel Ramos Millán damit, alle möglichen kulturellen Aktivitäten durchzuführen; anstatt den offiziellen Namen benutzten alle – übringens bis heute- den ursprünglichen Namen in Nahuatl: Tlacotal. Da es keine Infrastruktur oder gar Räumlichkeiten gab, fanden die kulturellen Aktivitäten, darunter Musik, Tanz und Straßentheater auf der Strasse statt. Silvia Alcántara, Ana Morales und Miguel González, Yolanda Alcántara, Roberto Cuevas, Miguel Mejía, Alejandra Nuñez, Ana Carmen Reséndiz, José Cardenas und viele andere waren -und die meisten von ihnen sind es immer noch- Teil eines Nachbarschaftskollektivs, swelches es sich zur Aufgabe gemacht hatte, kollektiv Initiativen zu starten, um ihr Quartier kulturell aber auch sozial in Szene zu setzen, Integration voranzubringen und auf bestehende Probleme konkrete Lösungen auf die beien zu bekommen, z.B. Jugendkriminalität und Drogen im Kiez. Alles begann in Form organisierter Selbsthilfe und geht bis zum heutigen Tag dank der beibehaltenen Selbstverwaltung des Kollektivs als auch des mittlerweile hinzugekommenen physischen Kultrurzentrums.

Das Nachbarschaftskollektiv, statt in die Jahre zu kommen, schaffte es, die nächste Generation mit einzubeziehen. 1997, Mexiko durchlief sehr hektische und komplexe politische und soziale Situationen mit einer problematischen Zunahme der Gewalt, die auch vor Tlacotal nichut Halt machte, entschied das Kollektiv, Treffen mit verschiedenen sozialen Gruppen im Quartier zu organisieren. Die so entstandene Diagnose, bei der 900 Frauen, Männer und auch Jugendliche zu ihren Wünschen für ihr Gebiet befragt wurden, ergab vor allem, dass die Bevölkerung kulturelle Aktivitäten und insbesondere einen Platz aber auch Freizeit- und Kulturangebote für die Jugend wünschte. Die Politiker gehen im Allgemeinen nicht den Weg der partizipativen Diagnose, da sie zu wissen glauben, was die Menschen wollen und brauchen oder eben von vornherein ihr Ding durchziehen. Miguel González, einer derjenigen, der von Anfang an dabei ist, erklärt ein wenig den Kontext, aus dem diese Forderung nach Kulturförderung entstand: „Der Vorschlag unserer Arbeit und des Zentrums Las Jarillas war von Anfang an, Kultur als einen Weg zu verstehen und zu begreifen, um Kriminalität durch Kultur und Sport vorzubeugen und unsere Leben und unser Zusammenleben lebenswerter zu gestalten hier Tlacotal“.

Las Jarillas: steht für Kultur und Selbstbestimmung

Bis heute gehören Silvia Alcántara, Ana Morales, Miguel González und viele andere Menschen, die alle in Tlacotal leben, zu den Kulturmanagern des Nachbarschaftskollektivs. Irgendwann fiel ihnen ein unbebautes Grundstück an der Eingangsstrasse zum Viertel auf dass alle Welt unter dem Namen La Curva kannten und wo Drogen vertschoben und auch konsumiert wurden. Ihrer Meinung nach war dieses Gelände für den Bau eines Kulturzentrums im Rahmen ihres Kulturprojekts geeignet; ausserdem würde damit der Drogenhotspot verschwinden, wenn dadurch aber nicht das Problem beseitigt wäre. Dank eines stärker partizipativ ausgerichteten Bürgermeisteramts von Iztacalco gelang es dem Kollektiv nach endlosen Sitzungen und Anträgen im Jahr 2000, die Autoritäten zum Bau eines kleinen Kulturzentrums auf dem besagten Grundstück zu bewegen. So wurde ein kleines zweistöckiges Zentrum gebaut, das anfangs wenig bis gar nicht ausgestattet war, was das Kollektiv jedoch nicht davon abhielt, das Zentrum im April 2002 einzuweihen und mit Aktivitäten wie einem Buchclub, Poesieworkshops, Hausaufgabenhilfe, Musik, Tanz und Theater zu beginnen.
In den folgenden Jahren wuchs das Angebot des Zentrums: Kurse in Salsa, Hip-Hop, Ballett und zeitgenössischem Tanz, Kindertheater und Spielothek, digitales Labor, Biogarten, Workshops zur Lebensmittelproduktion, Recycling und Abfallwirtschaft, Taekwondo-Kurse, Podologie, Biomagnetismus, psychologische Betreuung, Weben und Kunsthandwerk wie Mandalas und vieles, vieles mehr. Die Zahl der gesellschaftspolitischen, kulturellen und sportlichen Aktivitäten pro Monat hat inzwischen liegt bei 50 und es wird ein Publikum von mehr als 800 Personen erreicht; fast alle leben im Quartier. Mit der Zeit konnte die Ausrüstung des Zentrums verbessert und die Gleichzeitig wird das Kulturhaus als Zentrum besser ausgestattet die physische Struktur schrittweise erweitert werden., indem ein dritter Stockwerk und eine Dachterasse, ein grösserer Veranstaltungsraum, Räume für Tagungen, Kurse und Tanz hinzukamen. Mittlerweile gibt es auch eine kleine Cafeteria und ein Empfangsbereich im Eingang. Da das Zentrum auch zu angepassten Bau und Recyclingmethoden arbeitet, wurde aus praktischen Demonstrationszwecken einige Räume im Obergeschoss mit Erdwänden (bahareque) ausgestattet; mit dem gleichen Motiv wurde ein Ökogarten, Hydrokulturen und ein Gewächshaus, Kompostierung, die Installation von Biotechnik wie Sonnenkollektoren, Regenwassersammlung und -filterung eingerichtet.

Das Kulturzentrum, tatsächlich vielmehr als ein Kulturzentrum, zeigt mit eigenem Beispiel, wie man mitten in der Stadt (Mexiko Stadt mit der dazugehörigen Verstädterungsblase bringt es auf mehr als 320 Millionen Menschen) ein sehr interessantes Maß an Autonomie in Bezug auf Strom und Trinkwasser abn+er auch der Reduzierung des eigenen ökologischen Fussabdrucks erreichen kann. Die monatliche Stromrechnung sank von monatlich sechstausend auf hundert Pesos (ca. von 300 auf 5 Dollar); ähnliches geschieht mit der Nutzung des Regenwassers, das gefiltert, gespeichert und fast den gesamten für den Betrieb des Zentrums und des Gartens erforderlichen Verbrauch liefert. Der zur Verfügung stehende Raum des Zentrums wird sehr gut genutzt und folgt mit Ideenreichtum dem Konzept der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit. Diese Ideen werden den Teilnehmern in den verschiedenen angebotenen Kursen und Workshops vermittelt. Auch vor der Begleitung der Umsetzung von Öko-Techniken und städtischer Landwirtschaft in Gemeinschaftsräumen privater Wohnkomplexe oder in Wohnungen oder Häuschen der Teilnehmer wird bei Las Jarillas nicht gekniffen. Die vielen mittlerweile angestossenen Pilotprojekte werden eigentich nie allein durch das Zentrum, sondern immer unter aktiver Beteiligung von Nachbarn, begünstigten Familien sowie auch der Unterstützung von anderen Organisationen der Zivilgesellschaft und Institutionen sowie privater Unternehmen entwickelt und durchgeführt.

Angesichts der hohen Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr in der Metropole Mexiko-Stadt entwickelte das Zentrum auch Alternativvorschläge zur Verringerung der Schadstoffbelastung durch umweltfreundliche Verkehrsmittel und Fahrradwege.

Für Las Jarillas hat mit der Einweihung des Quartier-Kulturzentrums ein Wachstum in Bezug auf Angebote, Prozesse und Dynamiken begonnen. Dabei verlor das Nachbarschaftskollektiv nie aus dem Blick, dass es von entscheidender Bedeutung ist, dass die Menschen im Viertel das Kulturzentrum als ihre Einrichtung empfinden. Dafür war und ist auch weiterhin notwendig, eine offene und kontinuierliche Kommunikation hinzubekommen. Aus diesem Grunde findet Las Jarillas auch weiterhin und trotz des Zentrums als verfügbare Räumlichkeit mindestens einmal por Monat auf der Straße statt – dort wo alles begann.

Polizei Nein, Kultur Ja

Zu erreichen, dass die öffentliche Hand in ein lokales Kulturzentrum investiert, war ein lamger Weg; auch die Konsolidierung des weiterhin selbstbestimmten Prozesses der Nachbarschaften im Viertel war teils kompliziert. Dabei fehlte es nicht an politischen Autoritäten, die daran gewöhnt waren, Entscheidungen einseitig von oben herab zu treffen, ohne eine Mitgestaltung durch die Nachbarschaften des Kiez zuzulassen. Ein Bürgermeister ordnete tatsächlich die Schliessung des Zentrum unter massiven Polizeiteinsatz an. Grund war die autonome Haltung des Nachbarschaftskollektivs und der Entscheidung, keiner politischen Partei im Gegenzug für materielle Vorteile zu unterstützen. Die Menschen in Tlacotal identifizierten sich auf ganzer Linie mit ihrem Zentrum, und schaffte es nicht nur, das die Polizei abzog und das Zentrum wieder öffnen konnte, sondern reichte auch eine Klage gegen den geistigen Urheber der Intervention ein.

2003 wurde unter dem damaligen Regierungschef von Mexiko-Stadt –heute ist er Präsident des Landes- Andrés Manuel López Obrador ein Sicherheitsprogramm mit einem großen Budget zur Ausrüstung der Polizei aufgelegt. Die Reaktion von Las Jarillas auf dieses Programm war ebenso unverblümt wie vorhersehbar: keine zusätzliche Polizei und Ausrüstung sondern mehr öffentliche Mittel für Kulturarbeit. Man hat wenig bis gar kein Vertrauen in die Polizei, dagegen hat man sich bei Las Jarillas immer für eine Kultur eingesetzt, die Verbrechen verhindert, anstatt sie zu unterdrücken. Nach mehreren Sitzungen und einer entschlossenen Haltung des Kollektivs akzeptierte die lokale öffentliche Verwaltung, dass 80 % der Mittel in Kultur und Sport in der Zone Tlacotal investiert werden sollten. Dies war der Startschuss für eine breite Kampagne von Las Jarillas. Man organisierte eine Fußballmeisterschaft für Mädchen und Jungen des Quartiers; insgesamt nahmen 36 Teams teil. Miguel González erinnert sich: „Durch das Fußballturnier ist es uns gelungen, nicht nur den Kindern, sondern auch ihren Eltern näher zu kommen; nach und nach konnten viele Nachbarn, die bis dahin ihre Kinder am Eingang des Kulturzentrum abgaben, durch Aktivitäten des Zentrums angesprochen und einbezogen werden. Auf diese Weise wurde es geschafft, mit der Arbeit zu heiklen Themen wie beispielsweise häuslicher Gewalt zu beginnen“. Örtliche Jugendliche mit Drogenproblemen wurden während des Turniers als Schiedsrichter eingesetzt.

Der Prozess, der in Tlacotal stattgefunden hat und aus dem schliesslich las Nachbarschaftslkollektiv und später auch das Kulturzentrum Las Jarillas hervorgegangen ist, stellt eine Besonderheit im mexikanischen Konterxt dar. Selbsthilfeinitiativen und Organisationsgeflecht auf Quartierebene sind ni cht die Ausnahme, dafür aber die bis zum heutigen Tage bewahrte Autonomie des Kollektivs und ihrer kulturell politischen Arbeit. Versuche einer politischen Instrumentalisierung oder der üblichen Gängelung im Rahmen der Vergabe öffentlicher Mittel funktuioneierten im Falle von Las Jarillas nicht. Die lokale Comunity identifizeiert sich mit „ihrem“ Kulturzentrum und haben sich das Heft nie aus der Hand nehmen lassen. So ist es nicht verwunderlich dass das Nachbarschaftskollektiv eine aktive Rolle spielt im Zusammenschluss der autonomen Kollektive, die in Mexiko-Stadt zu den Themen Recht auf Stadt sowie städtiasche Lebenswertigkeit arbeiten.
Um die Kriminalität und Drogensucht unter Jugendlichen zu bekämpfen, hat die derzeitige Verwaltung von Mexiko-Stadt, anfänglich inspiriert von Beispielen wie dem des Kulturzengtrums Las Jarillas, 300 Kulturzentren in verschiedenen Vierteln und Bereichen der Stadtbezirke gebaut und ausgestattet. Im Gegensatz zu Las Jarillas hängen die Initiative und der Betrieb dieser Zentren von der öffentlichen Verwaltung ab, ohne dass es zu einer wirklichen Beteiligung oder Einbeziehung der lokalen Bevölkerung kommt. Die Absicht ghgeht in die richtige Richtung, nicht jedoch die Form der Durchführung, eben von oben herab; aufg diese Weise kann keine „solide Basis“ erwachsen die sich mit „ihrem“ Zentrum identifiziert. Es fehlt an gemeinsamer verbindender Geschichte zwischen Zentrum und Nachbarn; es fand kein Prozess statt, um das Zentrum zu erstreiten so als wenn es eine Errungenschaften der Gemeinschaft darstellen würde. Ohne diese Elemente ist es sehr schwierig, dass ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine Identifikation entsteht.
Vor dem Hintergrund der immer wieder aufflammenden Versuche politischer Lokalgrössen, das Kulturzentrum Las Jarillas unter ihre Kontrolle zu bringen und angesichts der ständigen Ungewissheit über die rechtliche Eigentumssituation des Zentrums samt Einrichtung war es eine zentrale Errungenschaft, dass der demokratisch zusammengesetzte Verwaltungsrat von Las Jarillas durch die Behörden mittels einer schriftlichen Vereinbarung anerkannt wurde. Dieser Verwaltungsrat, ein vom Nachbarschaftskollektiv geführtes Koordinationsteam kümmert sich um den Betrieb und Funktion des Kulturzentrums.
Neben der bereits erwähnten Unterstützungen durch die öffentliche Verwaltung arbeitet Las Jarillas mit verschiedenen Initiativen zusammen die zu den Themen Ökotechnologien arbeiten. Punktuell unterstützen auch Unternehmen im Rahmen des Konzepts der Sozialen Verantwortung. Und selbst die Grünen haben im Anschluss an einen Besuch bei den Solarpanelen auf der Dachterasse geholfen. Seit 2003 ist das Centro Operacional de Vivienda y Poblamiento A.C. – Copevi, eine Nichtregierungsorganisation mit technischem Fachwissen in den Bereichen Wohnen und Lebensraum Stadt, Ökotechniken und insbesondere dem Recht auf Stadt ein ständiger Verbündeterf von Las Jarillas. Diese Begleitung dauert bis heute an, auch dank der Unterstützung von Copevi durch Misereor.

Erwähnenswert ist, dass Las Jarillas bei Unterstützung von Copevi eine wichtige Rolle spielte bei der Ausarbeitung der Charta für das Recht auf Stadt. Es handelt sich um die erste Charta dieser Art in Mexiko. Es wurde 2012 abgeschlossen, nachdem ein breiter Prozess der sozialen Beteiligung stattgefunden hatte, aus dem wichtige strategische Leitlinien für die Entwicklung von Iztacalco und Mexiko-Stadt hervorgingen. Das Buch mit dem Titel „Eine andere Stadt wächst in der Stadt“ (Mexiko-Stadt, April 2015) systematisiert die Erfahrungen und den Entstehungsprozess der Charta von Iztacalco. Ihr Inhalt ist in der Charta für das Recht auf Stadt in Mexiko-Stadt und in der neuen, 2017 verabschiedeten Verfassung enthalten. Auf diese Weise war es möglich, Einfluss auf städtische Themen von größter Bedeutung zu nehmen, die die gesamte Stadt betreffen.

Was macht sie anders?

Diejenigen, die andere Kultuzentfremn in Mexiko-Stadt kennen, stimmen zu, dass Las Jarillas anders ist. Maricela Reséndiz, eine Taekwondo-Lehrerin, und Nora Leticia Romero, eine Ausbilderin für urbane Landwirtschaft, haben in ihren Disziplinen in vielen Einrichtungen gearbeitet, darunter auch in Kulturzentren des öffentlichen Sektors. Beide sind sich einig, dass die Dynamik und Herzlichkeit des Zentrums Las Jarillas mit anderen Kulturzentren nicht zu vergleichen ist. Sie sagen, dass trotz der Tatsache, dass niemand in der Koordinationsgruppe ein Gehalt erhält, oder vielleicht auch nur wegen der allgemeinen Freiwilligenarbeit, die Nutzer sehr gut betreut werden. Trotz der notorischen Knappheit der finanziellen Mittel mangelt es in Las Jarillas nie an Organisations- und Reinigungsarbeiten. Die Schüler helfen oft bei der Reinigung der benutzten Räumlichkeiten in Las Jarillas. Für die Teilnahme an Kursen und Workshops wird eine geringe Gebühr erhoben. 80% davon gehen an die Kursgebenden und 20% fliesst in den Hausfonds des Zentrums, wovon anfallende Kosten aufgefangen werden. „In den öffentlich verwalteten Kulturhäusern ist alles kostenlos, ohne jeglichen Beitrag seitehs der Teilnehmer; aber dennoch sind die von Las Jarillas angebotenen Kurse besser besucht und die Leute brechen weniger ab“.

Personen, die zunächst nur ihre Kinder zu verschiedenen Freizeit- und Kulturaktivitäten im Kulturhaus schickten gebracht haben, engagieren sich heute selbst und nehmen an Geschehen im Zentrum teil. So passiert es, dass Familienväter, die sich vorher gerade mal bis in den Eingangsbereich des Zentrums begaben, heute ihren Kids vorschlagen, gemeinsam ein Weilchen im Spielezimmer von Las Jarillas zu verbringen.

Es ist keine Kleinigkeit, dass Las Jarillas es schafft, junge und nicht mehr ganz so junge Menschen dazu zu bringen, ihre Tablet- oder Handybildschirme zu verlassen, um sich mit anderen in der Spielzeugbibliothek oder bei anderen kulturellen und gemeinschaftlichen Aktivitäten auszutauschen. Yolotl González, Tochter eines der Pioniere von Las Jarillas, gehört zur zweiten Generation; für sie gibt es keinen Zweifel. „Las Jarillas hat den Chip bei vielen Menschen in der Nachbarschaft verändert“.

Es ist unmöglich, das Kulturzentrum Las Jarillas zu verstehen, ohne den Prozess zu begreifen, der zur Entstehung des Zentrums geführt hat: Es ist ein Prozess, der von den Menschen für die Menschen ausgeht und es ist ein Soziales Konstrukt auf Quartiersebene; eine kollekive Manifestation der Zugehörigkeit und Identität.

Aus Neugierde schaute ich mal rein

Joselín González gibt im Zentrum Ballettkurse. „Ich bin aus Neugierde einfach mal reingegangen, um das Kulturzentrum kennenzulernen. Allein schon die Fassade machte mich neugierig“. Antonio Cortes, HipHop-Lehrer, ergänzt: „Ich finde den Laden echt cool. Deshalb habe ich mich entschieden, hier zu unterrichten, und es macht mir Spaß, im Team zu arbeiten; man kfiegt auch etwas von den anderen Bereiche des Hauses, wie den Biogarten, mit. Aber ich muss gestehen, dass ich anfangs sehr vorsichtig war, weil wir leider oft mit ätzenden Kontexten konfrontiert sind. Aber hier ist es anders“. Die Frauen unter den Kursdozenten in Las Jarillas stimmen darin überein: „das sie sich frei in der Ausübung ihrer Tätigkeit fühlen da hier deutlich weniger Machogehabe angesaggt ist.“ Sie sind quasi mit und im Zentrum aufgewachsen, als Teil ihres Lebens. Viele von ihnen bringen nun ihre eigenen Kinder nach Las Jarillas.

Alex Murietta ist ein Einwohner von Tlacotal, der Las Jarillas seit seinen Anfängen kennt. „Dinge wie Kultur- oder Gemeindezentren werden in der Regel von der öffentlichen Verwaltung betrieben, und man darf nicht einmal die Toilette benutzen. Las Jarillas ist ein Mythos in Iztacalco, weil es die große Ausnahme ist“.

Zwischen Chance und Risiko

Mit jeder neuen Regierung in der Bürgermeisterei des Munizips besteht die Gefahr, dass erneut versucht wird, die Autonomie des Nachbarschjaftskollektivs zu schwächen oder Las Jarillas top-down zu betreiben. In der mexikanischen Politik ist weiterhin Vertikalität angesagt. Bei diesen Rahmenbedingungen und den latenten Risiken kommt dem Verwaltungsrat von Las Jarillas eine Schlüsselrolle zu. Klarheit in Bezug auf seine Grundsätze und deren Verteidigung, aber auch eine stets dialogoffene und proaktive Haltung sind von grossem Wert. Im Einklang mit dem Wunsch nach einer öffentlichen Politik, an der die Gemeinschaft teilhaben kann, wurde bei mehreren Gelegenheiten eine sehr kooperative Haltung gegenüber den Behörden an den Tag gelegt, die ihr Interesse daran bekundeten, die Grundsätze von Las Jarillas zu berücksichtigen, um sie in andere bestehende und neue Kulturzentren und Gemeinschaftszentren zu übertragen.

Las Jarillas hat für sich sehr klar, wie wichtig eine reibungslose Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist; in diesem Sinne wird eine open door policy gefahren.

Quintessenzen für die Zukunft

1

Den Chip auszutauschen bedeutet, den Bildschirm des Tablets oder Mobiltelefons zu verlassen, um sich mit anderen bei Kultur-, Bildungs- und Gemeinschaftsaktivitäten auszutauschen.

2

Autonomie in Gemeinschaftsprozessen erfordert ständiges Engagement und Freiwilligenarbeit, trägt aber dazu bei, Anfälligkeit jeglicher Art zu vermeiden.

3

Das selbstbestimmte Sich-Einbringen von Menschen bei der Gestaltung von öffentlichen Räumen für das lokale Zusammenleben, Kultur und Unterhaltung trägt zu einem sozialen, ökologischen und kulturellen Wandel bei.

4

Die Stärkung der lokalen Zugehörigkeit, Identität und des sozialen Gefüges durch die Förderung der Kultur ist eine solide Grundlage für Selbstbestimmung und ein gemeinsames gutes Leben.
Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen vor Ort von Jorge Krekeler (Koordinator von Jenseits von Morgen – Zukunftsalmanach – Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo) im Dezember 2022 erstellt. Ein großes Dankeschön geht an Silvia Alcantara, Miguel González, Aida Ligia Montaño, Enrique López, Carlos Pimienta, Brenda Naranjo und Yolotl González vom Kulturzentrum Las Jarillas; an die DozentInnen Maricela Reséndiz und Maira Becerra, Nora Leticia Romero, Joselín González und Virginia Montoya sowie Antonio Cortes; an Adela Morales und Guillermo Gómez von der Tafel Los Tichis; an den Filmemacher Mariano Espinoza, Alex Murietta und viele andere Nachbarn von Tlacotal für ihre freundliche Aufmerksamkeit beim Besuch. Ana González und Josef Schulte Sasse vom Centro Operacional de Vivienda y Poblamiento – COPEVI für die Vermittlung des Kontakts; und Marcelo Waschl für die Bereitschaft, diese motivierende Erfahrung mitzuverfassen.

Autoren:

  • Marcelo Waschl
  • Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de

Layout:

  • Gabriela Avendaño
  • Ida Peñaranda

Fotomaterial:

  • Las Jarillas
  • COPEVI
  • Marcelo Waschl
  • Jorge Krekeler

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:

Auflage:

februar 2023

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Autoren:
Jorge Krekeler
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