Art 39. Um- und Aufbrüche in Zeiten der Pandemie

Während der Pandemie entschied sich die ecuatorianische Organisation Muyu Chakana, statt vorübergehende Hilfe einheimisches Saatgut zu verteilen und Familiengärten zu fördern. Diese Initiative veränderte das Leben insbesondere junger Menschen und vieler indigener Familien und ermutigte sie, einheimisches Saatgut widerzuentdecken und sich für Permakultur zu interessieren.
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Pilar oder Kinty, aber nicht Maria

Pilar, eine Kiwcha-Frau aus Otavale, erzählt ihre Geschichte: «Ich komme aus einer Kiwcha-Familie, die sich der Landwirtschaft verschrieben hat. Meine Vorfahren wurden auf den Haziendas ausgebeutet, und alle indigenen Frauen mussten sich Maria nennen lassen. Als ich neun Jahre alt war, weigerte ich mich, von meinem Lehrer Maria genannt zu werden, weil mein Namen Pilar oder eben Kinky ist.» Als der Lehrer sie bestrafen wollte, hielt sie die Peitsche fest und verblüffte nicht nur den Lehrer. Pilar ist eine entschlossene Frau und eine geborene Führungspersönlichkeit. Schon ihre Großmutter sagte zu ihr: «Man muss stark sein als Frau, um sich Respekt zu verschaffen. Mein Großvater, der starb, als ich sievben war, gab mir den Namen Kinky, was Kolibri bedeutet.» Sie nahm sich dieses Leitmotiv zu Herzen und tritt bis heute für die Rechte der Frauen ebenso ein wie für die ihrer eigenen indigenen Kultur, Sprache und traditioneller Kleidung.

«Das Weiterreichen des überlieferten Wissens zur Landwirtschaft, zu Umgang mit Natur und Medizin, aber auch mit dem Sinn des Lebens an die Jüngeren ist nicht einfach», schimpft Pilar. In den meisten indigenen Dorfgemeinden findet zwischen den Generationen kaum ein Dialog auf Augenhöhe statt. Zum standortgerechten Landbau sowie zur Ökologie und zum holistischen Weltbild besitzt die indigene Ursprungsbevölkerung mehr Know-How als andere Gesellschaftsgruppen; die unaufhörlich fortschreitende Verwestlichung bedroht jedoch dieses teilweise bereits verschütteten Wissen. «Die Ernährungssouveränität ist schon auf der Strecke geblieben», merkt Pilar an und erklärt weiter: «Unsere Idee bei Muyu Chakana ist, statt Lebensmittel Motivation, Kenntnisse und Saatgut zu verteilen. Dies war im Rahmen der Pandemie ein interessanter Ausgangspunkt, da für sehr viele Menschen gesunde Ernährung in Mode kam; und von dort bis zu Familiengärten war es dann nicht mehr weit. Die größte Herausforderung bei unserem Unterfangen war, an einheimisches Saatgut heranzukommen.»

Pandemische Übergänge

Muyu Chakana, das auf Kiwcha «Samenandenkreuz» bedeutet, wurde während der ersten strengen Quarantänewelle der Pandemie als Stiftung ins Leben gerufen und machte zunächst, was viele andere auch taten: Lebensmittelkörbe an bedürftige Personen und Gruppen verteilen, unter anderem an Behinderte, ältere Menschen und alleinerziehende Mütter. Muyu Chakana tat dies in ärmeren Vierteln der Provinzhauptstadt Ibarra und in Dörfern der indigenen Kantone von Cotacachi und Otavalo. Pilar erinnert sich: «Wir begannen damit, das grösste Leid zu lindern, aber schon recht bald fassten wir den Entschluss, stat Nothilfe zu leisten, eher strukturelle Veränderungen anzustossen: Durch das Anlegen von kleinen Gemüsegärten wollten wir Familien dabei zu helfen, mehr Ernährungssouveränität und gesunderes Essen zu ermöglichen.» Auf der Suche nach einheimischem Saatgut stieß Muyu Chakana auf das «Netzwerk zu einheimischem Saatgut», einer Gruppe von annähernd hundert Familien, die über das ganze Land verteilt autochthone Samen zu unterschiedlichen Kulturpflanzen zusamentragen und darüber hinaus regenerative Lebensmodelle praktizieren. Paul Murtha, ein Mitstreiter der ersten Stunde bei Muyu Chakana, schwebte die Idee vor, Saatgutbanken zu fördern. Anstatt weiterhin Carepakete zu verteilen, brach die Stiftung also zu neuen Ufern auf: Ernährungssicherheit und -souveränität sowie die Schaffung dynamischer einheimischer Saatgutbanken und den Erhalt biologischer Vielfalt.

Mit der Unterstützung von Rogelio Simbaña vom Saatgutnetzwerk startete Muyu Chakana den ersten Permakulturkurs. Als Rogelio nach der Idee der Einrichtung von Saatgutbanken gefragt wird, schweigt er einen Moment und sagt schliesslich: «Ich weiß nicht … » Das Netzwerk von Rogelio hatte die These, dass zur Gewinnung von einheimischem Saatgut Zentren unumgänglich sind, bereits widerlegt; im Netzwerk existieren soviele dezentrale Saatbanken, wie es Mitstreiter hat. Pilar bringt auf den Punkt, was Muyu Chakana mit den Workshops bezweckt: «Wir laden Personen ein, die traditionelle sowie auch neuere Kenntnisse zu standortgerechtem Landbau und regenerativen Modellen zu anderen Lebensbereichen praktizieren und bereit sind, diese Kenntnisse zn teilen und weiterzugeben. Auf diese Weise entsteht ein virtuelles Permakulturzentrum, in dem Wissen, Prinzipien und Ethik an die kommenden Generationen weitergegeben wird.» Bevor der erste Kurs losging, besuchte Pilar zusammen mit Rogelio 16 Dörfer, um auf das Angebot aufmerksam zu machen. Am Ende nahmen 86 Personen teil. Die meisten kamen aus den Dörfern, aber auch Jugendliche aus städtischen Marginalvierteln von Ibarra waren dabei. Der Permakultur-Grundkurs befasst sich unter anderem mit dem Umgang und der Nutzung von Boden, Wasser und Saatgut, handelt von Anbautechniken und Pflanzenkunde und zielt darauf ab, standortgerechten Landbau und familiäre Gemüsegärten attraktiv zu machen. Mittlerweile sind es 148 Personen zwischen 8 und 64 Jahren, die solche Kurse erfolgreich besucht haben. Ein Drittel macht nun einen weiteren Kurs, in dem es speziell um die Wiedergewinnung von heimischen Saatgut, aber auch um die Weitergabe von Samen geht.

Der Um- und Aufbruch der Stiftung, die konventionelle (Entwicklungs-)Logik vieler Nichtregierungsorganisationen hinter sich zu lassen – sicher auch als konsequente Reaktion auf die Überdrüssigkeit der Menschen mit dem traditionellen Entwicklungsansatz sowohl in den indigenen Dörfern als auch in der Stadt – hat zu tiefgreifenden Diskussionen bei Muyu Chakana geführt. Diejenigen, die ein eher konventionelles Verständnis von Entwicklung hatten und haben, sind den Weg der pandemisch bedingten Neuausrichtung bei Muyu Chakana nicht mehr mitgegangen.

Urban Peace Gardens

Christopher Robles macht auch bei Muyu Chakana mit. Er wuchs bei seiner Großmutter in Ibarra auf. Mit 12 zog er mit seiner Mutter nach Alpachaca, einem Viertel mit einer sehr komplexen sozialen Realität. Im Alter von 15 Jahren hatte sich Christopher bereits der «Blood-Gang» angeschlossen. Gewalt, Drogen, Kriminalität und Krieg mit anderen Gangs um die Kontrolle des Territoriums waren das tägliche Brot. Mit 19 Jahren kam es zu Problemen mit der Justiz. Schließlich lernte er seinen Vater kennen, mit dem er auf einem Bauernhof lebte, weit weg von Ibarra und seiner Bande. Christopher erinnert sich: «Ich kultivierte das Land und das Land kultivierte mich; dank dieser Jahre, in denen ich auf dem Bauernhof lebte und das Land bearbeitete, bin ich zu einem der Menschen geworden, die ich verachtet hatte, als ich noch in der Drogenwelt gelebt hatte.»

Während Christopher an der Uni Agronomie studierte, trat Paul Murtha in Kontakt mit der «Blood-Gang» im Alpachaca-Viertel. Nach behutsamer Kontaktaufnahme und einem sensiblen längeren Dialog liessen sich die Köpfe der Gang darauf ein, bei einem Präventionsprojekt zum Thema Jugendkriminalität als Streetworker mitzumachen. Auf diese Weise begannen viele der Bandenmitglieder als Promotoren zu arbeiten, besuchten Schulen und begleiteten andere Jugendliche, indem sie über die Nachteile des Bandenlebens, einschließlich Drogen, Raub und Gewalt sprachen. Schliesslich gründete man das Kollektiv «Calle, Paz y Respeto» – übersetzt «Straße, Frieden und Respekt».

Christopher kehrte als Agraringenieur nach Alpachaca zurück, wo er sich dem Kollektiv anschloss. Die Blood-Gang hat nie aufgehört zu existieren, aber es gab einen radikalen Richtungswechsel. Zusammen mit der ehemals rivalisierenden Jugendbande, der Latin-King-Gang, mit der man sich jahrelang bis aufs Messer bekämpft hatte, übernahm man eine friedensstiftende Rolle und trug zu einer Deeskalation der gewaltsamen Territorialkonflikte anderer Jugendbanden bei. Blood betreibt derzeit das Cultivarte-Zentrum im Alpachaca-Viertel. Die Einrichtungen des Zentrums, deren Nutzungsrecht die Statdverwaltung dem Kollektiv derzeit überlassen hat, sind vielfältig: Es gibt ein kleines Rugbyfeld damit die Jugendlichen ihre Energie abladen können, einen Friseursalon, wo ehemals inhaftierte Jugendbandenmitglieder ins Berufsleben starten, und einen Fastfood-Laden. «Die Bande hat ihre Daseinsberechtigung geändert, aber sie ist weiterhin unsere Clique und wir fühlen einfach zu Alpachaca», erklärt Christopher.

Als die Pandemie Aplachaca erreichte, wollte Paul Murtha Care-Pakete verteilen; Christopher und seinen Gangmitstreitern gelang es, vor allem Jugendliche davon zu überzeugen, im Viertel kleine Gemüsegärten anzulegen. Christopher sagte zu, dass man Unterstützujng organisieren würde. Die Idee dieser «Urban Peace Gardens» weckte reges Interesse unter den Jugendlichen. Rückblickend erinnert sich Christopher an Fälle mehrerer junger Bandenmitglieder, drogen- und alkoholabhängig, ziemlich gewaltbereit mit recht kompliziertem familiärem Mit- bzw. Gegeneinander. Das Angebot der Permakulturkurse, verbunden mit der Anlage von kleinen Gärten im Hinterhof oder wo eben Platz im Viertel war, hat mehr als einen die Gewalt und Laster gegen das Gärtnern und Pflanzen eintauschen lassen. Es musste ein auch noch so kleiner Garten her, um innerfamiliäre Begegnung zu schaffen und wieder miteinander ins Gespraech zu kommen – mitten im Gärtchen.

Interkulturalität durch Permakultur

Bei den durchgeführten Kursen von Muyu Chakana trafen unterschiedliche Kulturen aufeinander: Indigene und Afros, Gruppen, die sich zusammen für gewöhnlich nicht sonderlich wohlfühlen. Pilar und Christopher hatten dies glücklicherweise von Beginn an auf dem Schirm und haben viel getan, um ein interkulturelles Umfeld zu schaffen. Christopher stellte Pilar seinen Leuten als seine «Schwester» vor. Nach und nach entstand eine Atmosphäre des Respekts, in der jeder seine eigene Art zu leben nicht mehr versteckte, sondern seine Kultur und Identität zur Schau stellte. Mauricio, ein städtischer Afro-Teilnehmer des Kurses, konnte mit seinem Hip Hop und seiner Körpersprache selbst ältere Indigenas dazu bringen, im Rhythmus der Musik mitzumachen. Für Muyu Chakana ist es ein erklärtes Ziel, ein interkulturelles Permakultur-Netzwerk zu weben. Dies hat auch das Saatgutnetzwerk mit Rogelio an der Spitze mitbekommen. Kürzlich lud man Muyu Chakana ein, die Koordination des Saatgutnetzwerks im nördlichen Teil Ecuadors zu übernehmen.

Muyu Chakana besteht derzeit aus Pilar und Christopher. Sie selbst sehen sich weniger in der Rolle von Mittlern und fühlen sich den erreichten kulturellen Gruppen zugehörig. Gerade befindet sich die Stiftung in einer Durststrecke, und die beiden sind klinkenputzend unterwegs, um finanzielle Unterstützung zu finden, die die Kontinuität der Prozesse sichert. «Die Bereitschaft der Teilnehmenden, etwas beizusteuern, um die Workshops zu ermöglichen, ist riesig. Wir sind mit großem sozialem Zusammenhalt am Start, und dies gibt uns viel Sicherheit, um weitere Schritte auf dem Weg zu regenerativen Lebensmodellen zu gehen», sind sich beide einig.

Saatgutwächter in Aktion

Lourdes Muenala lebt in einem Stadtrandviertel von Otavalo. Sie und ihr 22-jähriger Sohn Joshua haben den Permakultur-Grundkurs absolviert. «Durch dem Kurs sind wir auf viele Weisheiten gestossen, die unserer Vorfahren hatten, aber verloren gegangen sind», sagt Doña Lourdes. Da ihr Mann nicht am Kurs teilgenommen hat, gibt es immer wieder Momente der familiärfen Diskussion, zum Beispiel über den Bau einer Trockentoilette oder das Pflanzen von Obstbäumen auf dem kleinen Stück Land. Im Moment fehlen Lourdes die Mittel, um ihr Gewächshaus, das durch orkanartige Windböen zerstört wurde, wieder in Schuss zu bringen. Sie ist eine hart arbeitende Frau, die es gewohnt ist, verschiedene Jobs anzunehmen. Auf diese Art hat sie ihre vier Kinder durchgebracht. «Ich habe schon immer das Saatgut von Bohnen, Mais, Quinoa und Amaranth verwertet, aber die Verwertung von Karottensamen oder der Aussaat von traditionellen und medizinischen Pflanzen wie der Chaucha-Kartoffel oder der schwarzen Mashwa sind für mich neu.» Claudia Sanchez ist eine weitere Teilnehmerin der Kurse. Sie schätzt sehr, was sie dort gelernt hat, und wendet es jetzt an. «Ich säe immer assoziiert, und geerntet wird bei Vollmond. Bevor wir geerntete Körner lagern, räuchern wir sie, und Maiskolben lagern wir zusammen mit Asche», sagt Claudia. Danach zeigt sie ihren Garten: Gemüsebeete, heranwachsende Obstbäume und ein Teich zur Reinigung von Abwasser. «Hier arbeiten drei Generationen: meine Mutter, meine Tochter und ich», sagt Claudia und fügt schmunelnd hinzu: «Die Jüngste ist die Erste, wenns an Ernten geht.»
Junge Menschen, die mit ihren Eltern vom Land in die Stadt gezogen sind oder dort als Kinder ländlicher Familien geboren wurden, verstehen schnell, wie wichtig und hilfreich es ist, Lebensmittel anzubauen, auch wenn der geringe Platz einen begrenzender Faktor darstellt. Junge Leute auf dem Land dagegen haben oft viel Fläche zur Verfügung und interessieren sich kaum fürs Gärtnern. Sie wollen nur in die Stadt ziehen – es scheint ein Teufelskreis zu sein.

Quintessenzen für die Zukunft

1

Die Pandemie auch als Chance zu verstehen, einen Wandel im eigenen Handeln zu erreichen, indem das Thema Ernährung in Form von eigenem Gärtnern und heimischer Saat und Sorten persönlich angegagen wird.

2

Die Chancde des gegenseitigen Kultivierens (des Individuum durch die Erde und der Erde durch das Individuum) und der eigene Garten, egal wie klein, entpuppt sich als sinnstiftende Aufgabe, Treffpunkt und innerfamiliärer Interaktion.

3

Permakultur – ein Weg, der Rückbesinnung auf die Weisheit der Vorfahren mit innovativen Technologien verbindet und selbstbewerkstelligte Verbesserung der eigenen Ernährung, Gesundheit und des mental-emotionalen Wohlbefindens ermöglicht, in vollem Einklang mit der Natur und der Zukunft.
Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen vor Ort vom Almanaque del Futuro, durch Jorge Krekeler / Jenseits von Morgen – Zukunftsalmanach (Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo), mit Muyu Chakana erstellt. Ein großes Dankeschön gilt den Gesprächsteilnehmern Pilar de la Torre und Christopher Robles; Dank auch an Javier Carrera von der Red de Guardianes de Semillas für die Vermittlung der ersten Kontakte.

Autoren:

  • Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de

Layout:

  • Gabriela Avendaño.
  • Ida Peñaranda

Fotomaterial:

Muyu Chacana

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:

Muyu Chakana
https://www.muyuchakana.org/

fundación@muyuchakana.com

Facebook: Muyu Chakana

Red Guardianes de Semillas
https://redsemillas.org/

Edición: abril 2022

AUSGABE:

April 2022

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Autoren:
Jorge Krekeler
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