Interkulturelle Gesundheitsversorgung: zwischen Diskurs, Normen und Realität
In der Alltagspraxis ist leicht diagnostizierbar, dass noch so einiges fehlt, um das Recht auf interkulturelles Gesundheitswesen zu garantieren. Die offiziellen Texte des Gesundheitsministeriums sehen Konsultationen vor, damit bei der Erstellung von Normen die Kenntnisse und Praktiken der verschiedenen medizinischen Systeme gleichberechtigt einfliessen. Allerdings wurden die entsprechenden Dokumente mehrheitlich durch das Ministerium erstellt, ohne die Vertreter der Gesundheitsbereiche der verschiedenen Völker und Nationalitäten zu konsultieren.
Das Interesse des Ministeriums gegenüber traditionellen Hebammen beschränkt sich darauf, dass diese dabei helfen sollen, die Ziele des Gesundheitsministeriums zu erreichen. Trotz des verfassungsmäßigen Auftrags werden die Akteurinnen und Akteure der indigenen Gesundheitysversorgung wie Kräuterkundige, Yachaks [Heiler/innen] und Hebammen systematisch ignoriert.
Bezüglich Hausgeburten und der Arbeit von tarditionellen indgenen Hebammen geht das Ministerium ohne Beweise davon aus, dass die Todesfälle von Müttern auf Hausgeburten zurückzuführen sind. Das staatliche Gesundheitswesen strebt eine Institutionalisierung von Geburten an und möchte, dass Geburten nur noch im Krankenhaus stattfinden. Erreicht werden soll dies durch Geld-Gutscheine für Mütter, die in einem Krankenhaus entbinden, oder durch die Regel, dass Neugeborene nur registriert werden, wenn eine ärztliche Bescheinigung vorliegt. Hebammen werden im Zusammenhang mit Hausgeburten eingeschüchtert. Traditionelle Hebammen werden im Falle von Gerichtsverfahren mit höheren Strafen belegt als Leistungserbringer/innen des öffentlichen Gesundheitswesens, da sie von staatlicher Seite nicht als Praktizierende des Gesundheitswesens anerkannt sind. Außerdem werden sie verunsichert. Einige geben dem Druck nach und schliessen Hausgeburten aus, und andere verstecken die Ausübung ihres Berufs trotz ihres verfassungsmäßigen Rechts. Hebammen, welche gebärende Frauen betreuen und sie ins Krankenhaus bringen, haben in der Regel nicht die Möglichkeit, dort Geburtshilfe zu leisten. Eine Entbindung wird im öffentlichen Gesundheitswesen als Krankheit behandelt und nicht als das, was sie ist: der Beginn allen Lebens.»
Der Fall von Martha Arotingo, einer traditionellen Hebamme
Die Geburt ihres ersten Kindes im Krankenhaus empfand Martha als schrecklich, und sie beschloss, von nun an Hausgeburten vorzuziehen. Die erste Entbindung, bei der sie als Hebamme half, war bei ihrer jüngeren Schwester. Martha erinnert sich oft an den Rat ihrer Mutter, von Hebamme zu Hebamme: «Du musst ruhig sein, um der Mutter Ruhe zu vermitteln.» Martha hat leuchtende Augen, als sie zu erzählen beginnt: «Ich habe mich bei meiner ersten betreuten Geburt in die Aufgabe verliebt, Hebamme zu sein. Ich bin leidenschaftlich dabei bei dem, was ich tue. Das Wichtigste bei der Entbindung ist der emotionale Teil, dass die Mutter ruhig ist und sich als Protagonistin wohlfühlt – und nicht die Hebamme oder die Krankenschwester oder der Arzt.» Martha erklärt, dass die traditionellen Hebammen bei vielem der werdenden Mutter helfen, was bei den Krankenschwestern oder den Gynäkologen nicht der Fall ist: dem Baby zu helfen, sich in die Geburtsposition zu begeben, nach der Geburt die Gebärmutter mit Massagen neu zu positionieren und mit Tüchern zu straffen, den Geist des Babys anzurufen und den ersten Ritus durchzuführen, der «Maitu» genannt wird und in einem Bad aus Rosmarin und Rosen und dem Wickeln des Babys besteht.
Pflanzen und Kräuter sind in der Schwangerschaft, während der Geburt und im Wochenbett Verbündete, erklärt Martha: Rosmarin, Brennnessel, Gerste, Löwenzahn, Feigenblätter und andere sowie verschiedene Blumen für Bäder im Wochenbett. «Die Heilpflanzen sind meine Schwestern», sagt sie. Auf die Frage, ob es einen Wissensdialog zwischen der traditionellen und der westlichen Hebammenkunst gibt, antwortet Martha: «Es gibt westliche Praktiken, die wir übernommen haben, wie zum Beispiel die Verwendung von Handschuhen, Scheren oder Doppler, um das Herz des Babys abzuhören. Aber die Positionen, Übungen und Bäder sowie die postpartale Pflege und die Begleitung, die wir leisten, hat die westliche Medizin umgekehrt von uns übernommen und in ihr Konzept der humanisierten Geburt integriert. Unsere Organisationen haben schließlich erreicht, dass das Krankenhaus in Cotacachi auch über einen Raum für traditionelle Entbindungen verfügt, wo die gebärende Frau frei entschieden kann, in welcher Position sie gebären möchte. Die Krankenhausprozeduren machen viele Frauen nervös. Hinzu kommt, dass indigene Frauen im Spital oft nicht gleich behandelt werden wie weiße Frauen.»
Martha begleitet seit mehr als 15 Jahren Geburten und räumt ein, dass sich die Dinge zwar verändert haben, aber noch vieles im Argen liegt. «Hebammen können jetzt bei Geburten im Krankenhaus anwesend sein, auch wenn dies von der diensthabenden Krankenschwester und dem Arzt oder der Ärztin abhängt. Es gibt Fälle, in denen man mir sagt: ‚Marthita, wenn du Hilfe brauchst, ruf uns dazu‘, aber es gibt auch Fälle, in denen ich gerade mal die Gebärende begleiten darf. Meiner Meinung nach sollte dies nicht von der Krankenschwester abhängen, sondern in der institutionellen Politik definiert sein. Jede Mutter sucht einen Ort, an dem sie sich wohlfühlt, um zu gebären, und das Krankenhaus ist nicht unbedingt dieser Ort: wegen des starken Lichts und wegen des Risikos, dass die Prozedur und das Protokoll der westlichen Medizin Stress und sogar Schuldgefühle bei der Frau auslösen: «Doktor, mache ich etwas falsch?» Zu Hause ist die Mutter die Protagonistin, im Krankenhaus ist es der Arzt; es ist eine Entmachtung der Person, auch bei der Geburt; die Mutter verliert die Kontrolle über ihren Prozess.»
Auszug aus dem Gedicht «Die ausdauernde Erinnerung» von Martha Arotingo: «Der Duft der miotischen Flüssigkeit liebkoste mein Herz; von diesem Moment an machte die Begleitung der Geburt mein Leben glücklich. Es schien, als sei der Weg bereits mit der Anleitung meiner Mutter vorgezeichnet. Auf dieser Reise entdeckte ich viele Freuden, der Schmerz der Ohnmacht durfte nicht fehlen, Frauen, die nicht verstanden, was geschah, ich konnte anfangs nichts sagen, die Angst, meine Hand könnte das Kind im Mutterleib berühren, und sie waren es, die mir mehr Mut machten … »
Kommerz mit der Gesundheit
Quintessenzen für die Zukunft
1
Dank traditioneller und interkultureller Gesundheitskonzepte wird die Geburt nicht als Krankheit, sondern als das wahrgenommen, was sie ist: der Beginn von Leben als natürlicher Teil des Lebens, wie auch der Tod.
2
Ohne traditionelle Hebammen hätten sehr viele Frauen in vielen Teilen der Welt nicht die Möglichkeit, zu Hause zu entbinden. Überall auf der Welt sind es in ländlichen Gebieten Hebammen, die alle Geburten betreuen, ohne dass dadurch die Geburtensterblichkeit steigt.
3
Interkulturelle Gesundheitskonzepte und -praktiken kommen allen Gruppen zugute, unabhängig von kulturellen Unterschieden, da sie Tür und Tor öffnen, um alternative Pfade jenseits von Rezeptflut, Pharamdependenz und Vademecumlatein beschreiten zu können: ein ganzheitliches Verständnis, welches bei der Gesundheit statt bei der Krankheit ansetzt.
Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen vor Ort durch Jorge Krekeler / Jenseits von Morgen – Zukunftsalmanach (Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo), mit Martha Arotingo, Viviana Guitarra, Lucia Morales, Claudia Sánchez, Anita Forinago, Delia Huaján, Luzmila Moran, María Piñan und Mariella Ayala der Organisation JAMBI MASCARI sowie der Begleiterin Claudia Willemin geführt. Jambi Mascari ist Bestandteil des Indigenen Rates für traditionelle Gesundheitsarbeit der Dachorganisation UNORCAC. Ein großes Dankeschön an alle, die zu diesem Kollektiv gehören, und insbesondere meinen konkreten Gesprächspartnerinnen; Dank auch an Javier Carrera von der Red de Guardianes de Semillas für die Vermittlung der ersten Kontakte.
Autoren:
- Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño.
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
Jambi Mascari – Consejo Indígena de Salud Ancestral Hampik Huarmikuna comitecentral_mujeresunorcac@hotmail.com facebook e instagram: Consejo Indígena Medicina Ancestral Martha Arotingo parteradianaku@gmail.com tamiapacari4@gmail.com
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