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Art 37. Geschichtserzählung ohne Tabus

Die Stiftung Quito Eterno rettet das historische Gedächtnis aus einer integrativen Perspektive. Durch pädagogische Reisen lädt sie die Menschen dazu ein, indigene und andine Identitäten zu erkennen, trennende Sichtweisen zu überwinden und eine Wiederbegegnung mit den Ursprüngen und der kulturellen Vielfalt zu fördern.
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Eine der bahnbrechenden Errungenschaften des Kollektivs «Quito Eterno» ist es, Geschichten aus der Vergangenheit zu verstehen und zu erzählen, ohne der Blindheit und Segregation zum Opfer zu fallen. Bei ihren pädagogischen Führungen durch das historische Zentrum von Quito machen die Mitglieder der ekuatorianischen Stiftung historische Ereignisse greifbar, indem sie die Figuren der Geschichte auf eine andere Weise darstellen als dies üblicherweise geschieht. Auf diese Weise wird die ethnisch-klassistische Ausblendung vermieden, die leider sonst häufig zu beobachten ist. «Quito Eterno» hat nicht wenigen Menschen eine Wiederbegegnung mit der Geschichte und ihren eigenen Ursprüngen ermöglicht. Schritt für Schritt wird damit die Verleugnung eines Teils ihrer Identität überwunden, die in den indigenen Traditionen und der andinen Kosmovision wurzelt.

Die (Wieder-)Entdeckung der historischen Altstadt Quitos

Im Bestreben, das historische Zentrum der ekuadorianischen Hauptstadt Quito attraktiver zu gestalten, haben Händler, Reiseveranstalter und Kulturmanager seit 2002 verschiedene Initiativen und Aktionen durchgeführt. Eine dieser Initiativen, «Quito Eterno» -– übersetzt «Ewiges Quito» – ist als Bildungsinitiative entstanden und bietet Führungen im historischen Zentrum an. Zunächst richtete sich dieses Kulturangebot hauptsächlich an Schulen; inzwischen wird aber ein sehr viel breiteres Publikum erreicht. Es sind Personen aus dem Bildungsbereich sowie der Kulturszene, welche sich vor gut 20 Jahren zusammentaten, um «Quito Eterno» zu starten. Der Personenkreis hat sich seitdem nicht wesentlich verändert und ist eher noch gewachsen. Die meisten von ihnen arbeiten heute noch mit dem Kernteam von «Quito Eterno» zusammen.
Die Erzählungen der Geschichte rund um die historische Altstadt Quitos mit Museen, Plätzen, Kirchen und Kolonialarchitektur, vor allem aber den üblichen Legenden und Geschichtsfiguren, führte bei mehr als einem der Integranten von «Quito Eterno» dazu, schrittweisefestzustellen, dass sie selbst auch Opfer sind, indem ein Teil ihrer ursprünglichen Identität verstümmelt wurde. Das öffentliche Bildungssystem und die rassistische Diskriminierung der Gesellschaft führt zu dieser Situation, oft noch verstärkt durch die eigene Familie.

Weder Großeltern noch mütterlicher Nachname

Andrea Fonseca, seit mehr als zehn Jahren bei «Quito Eterno» dabei, gibt Einblick in ihr Seelenleben: «Die Identität der meisten von uns, auch hier in der Stiftung, ist eine Mischung aus indigenen und mestizischen Wurzeln. In meinem Fall hat «Quito Eterno» wie ein Labor funktioniert, und langsam wurde mir klar, dass ich jahrelang gelitten habe, da ich mich meiner indigenen Abstammung mütterlicherseits geschämt habe. So habe ich systematisch meinen mütterlichen Nachnamen, den hier normalerweise ein fester Bestandteil des Namens darstellt, ausgeblendet da es sich um einen typisch indigenen Nachnamen handelt. Mich überkam der reine Horror, wenn mich meine Großeltern mütterlicherseits von der Schule abholen wollten, denn sie kleideten sich traditionell indigen. Diese Ablehnung eines Teils meiner Herkunft und meiner Identität war das Ergebnis der Diskriminierung der Indigenität seitens der Familie meines Vaters. Bei ihnen galt alles Indigene als minderwertig. Heute bin 37 Jahre alt und befinde mich auf einem langen Weg, um die Ablehnung und das Gefühl der Scham, indigene Wurzeln zu haben, langsam zu überwinden. Jetzt fühle ich mich schuldig, weil ich meine eigenen Wurzeln so lange verleugnet und damit nicht nur meinen Großeltern Schmerzen bereitet habe.» Dies ist nicht die einzige Geschichte dieser Art, die man bei «Quito Eterno» antrifft.

Geschichtserzählung ohne ethnisch-klassistisches Wenn und Aber

Javier Cevallos, einer der emblematischen Mitglieder der ersten Stunde, der heute im Kulturbereich der Stadtvervaltung arbeitet, erinnert sich: «In den ersten Jahren baten uns Lehrer und andere Kunden um Führungen und Legendenrouten zu klassischen Figuren der offiziellen Geschichte – zum Beispiel Manuela Sáenz. Deren Rolle reduzierte man allerdings auf die der Geliebten von Bolivar, ohne ein Sterbenswörtchen über ihr politisches und soziales Schaffen zu verlieren. Weit weniger Interesse weckten die Geschichtsfiguren, die «Quito Eterno» im Narrativ ergänzt hat, um die inoffizielle, nicht beschönigte Geschichte zu erzählen, und ohne die vorspanische und vorinkaische Zeit unsichtbar zu machen, und die Filter des diskriminierenden Rassismus und der klassenbedingten Vorurteile der republikanischen Unabhängigkeitsphase zu neutralisieren.» Einige dieser historischen Figuren, die von den Schauspielern und Interpreten von «Quito Eterno» neu interpretiert werden, sind die Prinzessin Quilago, die Chichaverkäuferin, Manuela Espejo und der Chulla Quiteño.

Bei Quilago, gespielt von Luci Yanez, handelt es sich eine entgegen dem kolonialen Weltbild schwarzhaarige indigene Prinzessin, die als Frau gegen die Kolonisierung durch die Inkas kämpfte. Die Interpretation dieser für gewöhnlich ausgeblendeten Geschichtsfigur ermöglicht einen anderen Blick auf die Geschichte, indem die vorinkaische andine Kosmovision, das politische Leben der Frau sowie die indigene vorinkaische Kultur insgesamt mit ihren Ritualen, aber auch mit ihren Kenntnissen zu Astronomie, Pflanzen und dem menschlichen Dasein (nach)erzählt werden. Bei der Señora del Chawarmishki handelt es sich um eine antike Strassenverkäuferin, die ein aus dem Stamm Penco-Baumes gewonnene Heilgetränk verkauft. Dieses Getränk wird auch heute noch an einer Straßenecke in der Nähe des Kolonialmuseums María Augusta Urrutía verkauft. Gespielt wird die Verkäuferin von Natalia Dávila. Die dahinterstehenden und auf Augenhöhe vermittelten Messages sind die ursprünglichen und sehr nahrhaften, aus Mais hergestellten Speisen und Getränke, die inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten sind.
Manuela Espejo, eine Feministin des kolonialen Lebens des 18. Jahrhunderts, konterkariert das Leben der Frauen in dieser Zeit: ohne Rechte, in Anonymität lebend, und ohne die Möglichkeit politischer Beteiligung. Manuela Espejo widerspricht diesem Klischee, da sie mit Hilfe der Bücher ihres Bruders, des Arztes Eugenio, Krankenschwester wird, für eine Zeitung schreibt und die Verteidigung ihrer Familie übernimmt, die von der königlichen Audienz angeklagt wird. Während die offizielle, von Männern geschriebene Geschichte das öffentliche Leben von Frauen wie Manuela Espejo, der Prinzessin Quilago oder der Señora del Chawarmishki völlig ausblendet, gelingt es den Figuren der von «Quito Eterno» organisierten Legendenrouten, die geschichtliche Historie ohne Tabus oder weltbildmanipulierende Kastrationen zu erzählen.
Auch für die Geschichtsepoche der Unabhängigkeit und der Republik hat «Quito Eterno» Figuren neu inszeniert, um den verborgenen Teil der Geschichte ans Tageslicht zu befördern: Marietta de Veintemilla, Politikerin und Schriftstellerin, die erste Präsidentin des Landes, die jedoch in den offiziellen Chroniken unsichtbar ist oder maximal als First Lady Erwähnung findet. Die Figur des Chulla Quiteño, einem alteingesessenen Bewohner Quitos und Kenner aller Ecken des Zentrums, der seine indigene Herkunft um jeden Preis verleugnet und seine gespielte mestizisch-adlige Absammung wo möglich herauskehrt, ohne seine Schlitzohrigkeit an den Nagel zu hängen oder aufzuhören, sich über die etablierte ethnisch-klassische Hierarchie lustig zu machen.

Entlarvung von Mythen und (Wieder-)Herstellung kultureller Diversität

«Quito Eterno», ursprünglich als Bildungsprojekt konzipiert, hat sich im Laufe der Zeit zu einem Lebensprojekt für seine Integrantinnen und Integranten entwickelt. 2010 wurde die Stiftung ins Leben gerufen, nachdem man bereits seit acht Jahre lang funktionierte; seitdem widmen sich einige der involvierten Personen Vollzeit der Sache. Neben den Führungen und den Geschichtsexkursionen, in deren Mittelpunkt die neuinszenierten Figuren stehen, macht «Quito Eterno» auch Workshops und – in geringerem Umfang – Theaterstücke. Aus einigen Theaterstücken gingen Figuren hervor sowie auch umgekehrt, Geschichtsfiguren fürs Theater Pate standen. Das zentrale Anliegen der Gruppe hat sich trotz der Jahre und des Wachstums in Bezug auf Mitglieder, Aktivitäten und Reputation nicht verändert: Geschichtserzählung ohne Tabus, indem die verborgene Historie als salonfähig erklärt wird; und wenn‘s ganz gut läuft, kann bei der Identitätsverankerung des jeweiligen Ichs geholfen werden, ohne dabei die Links zum «Wir» und zum Territorium rauszukicken.
Die klischeefreie Geschichtserzählung von «Quito Eterno», für die die Brüder Grimm reine Geisterfahrerei ist, ist beim Publikum auf grosses Interese gestossen und hat Offenheit und Neugierde entstehen lassen. Für «Quito Eterno» bedeutet dies, dass die Latte in Sachen Verantwortung, Sensibilität und Intuition sowie Recherchearbeit nun deutlich höher hängt. Dadurch gewinnt die ganze Sache jedoch noch an Reiz, versichert Lucia Yanes: die Geschichte auf eine andere Art und Weise zu erzählen, ohne Voreingenommenheit oder Tabus, Kulturen und Identitäten im Narrativ eins zu eins zu transportieren, gleichzeitig aber Mythen und Paradigmen auf den Pelz zu rücken; und all dies ohne aus dem Heute Themen und Prinzipien wie Lokalentwicklung, Interkulturalität und Kultur der Zusammenarbeit aus dem Blick zu verlieren.

Die Resonanz täuscht nicht

Leute, die von Kindesbeinen an bei Veranstaltungen, allen voran bei Führungen von Schulklassen dabei waren, fühlen sich der historischen Altstadt verbunden und können sich hier verorten. Einige wählen als Abschlussarbeit ihres Studiums Aspekte zur Neusignierung von Geschichte und Erinnerung. «Quito Eterno» hat heute einen festen Platz im kulturell-historischen Millieu der Stadt und ist zu einem Bezugspunkt im nationalen und lateinamerikanischen Kontext geworden, wenn es um die (korrigierte) Geschichts(nach)erzählung geht. Im Rahmen der Open-Door-Policy hat «Quito Eterno» ähnliche Prozesse in Tulcán, Pasto und Popayan angeleitet und unterstützt; dazu stehen nationalen, amerikanischen und europäischen Freiwilligen die Türen weit offen. Das 2018 gestartete Projekt «Mishki Shimi» hat sich zu einem Treffpunkt für mündliche Erzählungen in Lateinamerika entwickelt. Im Publikum von «Quito Eterno» finden sich reichlich Personen, die zu Freunden geworden sind und ihre Familien und Freunde mitbringen, um ihre Entdeckung, nämlich «Quito Eterno» und dahinter eine andere Story, zu teilen. Für viele, die an den Führungen teilnehmen, handelt es sich eingangs um eine Freizeitaktion mit kulturellem Background; am Ende hört man dann aber oft Kommentare wie «Sie erzählen die Geschichte anders.» Nicht wenige nehmen eine gewisse Nachdenklichkeit mit nach Hause.

Die Pandemie stellte auch «Quito Eterno» vor neue Herausfordernugen: Man ging zu virtuellen Geschichtsexkursionen über, in deren Mittelpunkt die emblematischen Persönlichkeiten standen; damit konnten bis zu tausend Menschen live erreicht werden. «Die Menschen, und damit auch unser Publikum, sehnen sich danach, in die Gegenwart zurückzukehren», sagt Luci Yanez, Mitglied des Kollektivs seit 2004, und fährt fort: «Eine unserer Herausforderungen besteht darin, dass am Ende der Führungen ein gemeinsamer Raum der Reflexion zwischen uns und unserem Publikum entsteht.»

«Quito Eterno» hat sich finanziell von Anfang an selbst getragen, indem man ein bescheidenes Entgelt für die Führungen nimmt. Öffentliche Förderungen kamen zwar vor, waren und sind aber eher die Ausnahme. Interessanterweise unterstützen sich Aktionslinien innerhalb des Portfolios der Stiftung gegenseitig: Aktivitäten, die einerseits eine hohe Erfüllung des Stiftungszwecks ermöglichen, aber nur geringe Einnahmen generieren, und andere mit einer höheren Rentabilitätsspanne und einer geringeren Zweckerfüllung auf der anderen Seite.

Quintessenzen für die Zukunft

1

Die Identität des bewussten ICHs kann durch das Zugehörigkeitempfinden im Hier (Territorium) und im Wir (Gemeinschaft und Kultur) gestärkt werden.

2

Das Jetzt (Gegenwart) und das Davor (Geschichte) sind aufgrund ihrer Besonderheiten die authentischste Quelle der Identitätsbildung.

3

Narrative der Geschichte, welche auf einem dekolonialen Verständnis der Geschichte basieren, sind Wegöffner zu einer Neubestimmung von Erzählung, Kultur und Identität. Die Stärkung des Gefühls der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gebiet ist von entscheidender Bedeutung, um die kollektive Identität zu bekräftigen und zu bereichern.

Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen vor Ort vom Almanaque del Futuro, durch Jorge Krekeler / Jenseits von Morgen – Zukunftsalmanach (Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo), mit QUITO ETERNO erstellt. Ein großes Dankeschön an alle, die zu diesem Kollektiv gehören, und insbesondere meinen konkreten Gesprächspartnern: Lucia Yanez und Andrea Fonseca, Jose Suñiga und Natalia Davila sowie Javier Cevallos; Dank auch an Javier Carrera von der Red de Guardianes de Semillas für die Vermittlung der ersten Kontakte.

Autoren:

  • Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de

Layout:

  • Gabriela Avendaño
  • Ida Peñaranda

Fotomaterial:

Quito Eterno

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:

Quito Eterno www.quitoeterno.org info@quitoeterno.org Facebook: Quito Eterno Instagram: Quito Eterno Red Guardianes de Semillas https://redsemillas.org/

Auflage:

April 2022

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Autoren:
Jorge Krekeler
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