Die (Wieder-)Entdeckung der historischen Altstadt Quitos
Die Erzählungen der Geschichte rund um die historische Altstadt Quitos mit Museen, Plätzen, Kirchen und Kolonialarchitektur, vor allem aber den üblichen Legenden und Geschichtsfiguren, führte bei mehr als einem der Integranten von «Quito Eterno» dazu, schrittweisefestzustellen, dass sie selbst auch Opfer sind, indem ein Teil ihrer ursprünglichen Identität verstümmelt wurde. Das öffentliche Bildungssystem und die rassistische Diskriminierung der Gesellschaft führt zu dieser Situation, oft noch verstärkt durch die eigene Familie.
Weder Großeltern noch mütterlicher Nachname
Geschichtserzählung ohne ethnisch-klassistisches Wenn und Aber
Javier Cevallos, einer der emblematischen Mitglieder der ersten Stunde, der heute im Kulturbereich der Stadtvervaltung arbeitet, erinnert sich: «In den ersten Jahren baten uns Lehrer und andere Kunden um Führungen und Legendenrouten zu klassischen Figuren der offiziellen Geschichte – zum Beispiel Manuela Sáenz. Deren Rolle reduzierte man allerdings auf die der Geliebten von Bolivar, ohne ein Sterbenswörtchen über ihr politisches und soziales Schaffen zu verlieren. Weit weniger Interesse weckten die Geschichtsfiguren, die «Quito Eterno» im Narrativ ergänzt hat, um die inoffizielle, nicht beschönigte Geschichte zu erzählen, und ohne die vorspanische und vorinkaische Zeit unsichtbar zu machen, und die Filter des diskriminierenden Rassismus und der klassenbedingten Vorurteile der republikanischen Unabhängigkeitsphase zu neutralisieren.» Einige dieser historischen Figuren, die von den Schauspielern und Interpreten von «Quito Eterno» neu interpretiert werden, sind die Prinzessin Quilago, die Chichaverkäuferin, Manuela Espejo und der Chulla Quiteño.
Manuela Espejo, eine Feministin des kolonialen Lebens des 18. Jahrhunderts, konterkariert das Leben der Frauen in dieser Zeit: ohne Rechte, in Anonymität lebend, und ohne die Möglichkeit politischer Beteiligung. Manuela Espejo widerspricht diesem Klischee, da sie mit Hilfe der Bücher ihres Bruders, des Arztes Eugenio, Krankenschwester wird, für eine Zeitung schreibt und die Verteidigung ihrer Familie übernimmt, die von der königlichen Audienz angeklagt wird. Während die offizielle, von Männern geschriebene Geschichte das öffentliche Leben von Frauen wie Manuela Espejo, der Prinzessin Quilago oder der Señora del Chawarmishki völlig ausblendet, gelingt es den Figuren der von «Quito Eterno» organisierten Legendenrouten, die geschichtliche Historie ohne Tabus oder weltbildmanipulierende Kastrationen zu erzählen.
Entlarvung von Mythen und (Wieder-)Herstellung kultureller Diversität
Die Resonanz täuscht nicht
Leute, die von Kindesbeinen an bei Veranstaltungen, allen voran bei Führungen von Schulklassen dabei waren, fühlen sich der historischen Altstadt verbunden und können sich hier verorten. Einige wählen als Abschlussarbeit ihres Studiums Aspekte zur Neusignierung von Geschichte und Erinnerung. «Quito Eterno» hat heute einen festen Platz im kulturell-historischen Millieu der Stadt und ist zu einem Bezugspunkt im nationalen und lateinamerikanischen Kontext geworden, wenn es um die (korrigierte) Geschichts(nach)erzählung geht. Im Rahmen der Open-Door-Policy hat «Quito Eterno» ähnliche Prozesse in Tulcán, Pasto und Popayan angeleitet und unterstützt; dazu stehen nationalen, amerikanischen und europäischen Freiwilligen die Türen weit offen. Das 2018 gestartete Projekt «Mishki Shimi» hat sich zu einem Treffpunkt für mündliche Erzählungen in Lateinamerika entwickelt. Im Publikum von «Quito Eterno» finden sich reichlich Personen, die zu Freunden geworden sind und ihre Familien und Freunde mitbringen, um ihre Entdeckung, nämlich «Quito Eterno» und dahinter eine andere Story, zu teilen. Für viele, die an den Führungen teilnehmen, handelt es sich eingangs um eine Freizeitaktion mit kulturellem Background; am Ende hört man dann aber oft Kommentare wie «Sie erzählen die Geschichte anders.» Nicht wenige nehmen eine gewisse Nachdenklichkeit mit nach Hause.
«Quito Eterno» hat sich finanziell von Anfang an selbst getragen, indem man ein bescheidenes Entgelt für die Führungen nimmt. Öffentliche Förderungen kamen zwar vor, waren und sind aber eher die Ausnahme. Interessanterweise unterstützen sich Aktionslinien innerhalb des Portfolios der Stiftung gegenseitig: Aktivitäten, die einerseits eine hohe Erfüllung des Stiftungszwecks ermöglichen, aber nur geringe Einnahmen generieren, und andere mit einer höheren Rentabilitätsspanne und einer geringeren Zweckerfüllung auf der anderen Seite.
Quintessenzen für die Zukunft
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Der Text wurde auf der Grundlage von Gesprächen vor Ort vom Almanaque del Futuro, durch Jorge Krekeler / Jenseits von Morgen – Zukunftsalmanach (Berater von Misereor im Auftrag von Agiamondo), mit QUITO ETERNO erstellt. Ein großes Dankeschön an alle, die zu diesem Kollektiv gehören, und insbesondere meinen konkreten Gesprächspartnern: Lucia Yanez und Andrea Fonseca, Jose Suñiga und Natalia Davila sowie Javier Cevallos; Dank auch an Javier Carrera von der Red de Guardianes de Semillas für die Vermittlung der ersten Kontakte.
Autoren:
- Jorge Krekeler | jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
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