Art 36. Mein zuhause ist der Fluss – per Kajak in Richtung Nachhaltigkeit

Jules' Leben dreht sich um Flüsse und Kajakfahren. Sein sozio-ökologischer Tourismus spiegelt eine Philosophie der Harmonie wider, prangert die Wunden der Entwicklung an und webt kollaborative Netzwerke, die Natur, Gewissen und Gemeinschaft aus seiner vitalen Erfahrung des Wassers integrieren.
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Faszinierende Harmonie mit der Natur

Jules Domine, hoy treinta años de edad, francés bastante latinizado, recuerda la ruta de vida desde su infancia y como apareció el kayak en su vida. “Mis padres, mamá trabajadora social y papá investigador en torno a la emergencia climática, practicaban kayak. Vi vídeos de ellos en kayak y empecé con este deporte acuático cuando tenía siete años. De niño no me interesaba mucho la tele, ni teníamos en casa. Me fascinaba -y me sigue fascinando- la armonía del kayak con la naturaleza; el agua, viaje sin dejar huella, de una vez metido, no hay otra opción que seguir, como lo es una vez metido en las corrientes. La armonía de fluir con el agua.” El interés de Jules en lo social y en la naturaleza es, sin duda alguna herencia de sus padres.
Dem Jungen war klar, dass er das Leben anders leben wollte, dem Typischen entfliehen, das Unmögliche ausprobieren…und das möglichst mit dem Kajak. Mit dreizehn lebte Jules, bedingt durch die Arbeit des Vaters, für etwa zwei Jahre in Alaska. Die Reiselust der Eltern übertrug sich auf Jules. Schule fand der heutige Diplom-Hydrologe nicht sonderlich aufregend. „In Frankreich und in Europa habe ich die Unermesslichkeit der Natur, wie ich sie in Alaska, in Kanada, in Afrika und auch in Südamerika erlebt habe, immer vermisst. Mit dem Kajak auf dem Fluss zu reisen, ohne Spuren zu hinterlassen, ist zu einer Metapher dafür geworden, wie ich leben möchte. Im Kajak kann ich eine Beziehung zum Fluss aufbauen.“ Jules reiste fünf Jahre lang um die Welt und arbeitete als Kajakguide. 2010 kam er nach Kolumbien; Freunde hatten ihm vom Land und vor allem von seinen Flüssen erzählt. 2012 hat Jules als Erster den Oberlauf des Río Magdalena im Kajak befahren; dasselbe geschah auf dem Río Samaná.

Flüsse - Spiegel der Tragödien im Namen der Entwicklung

Bei einer seiner ersten Exkursionen auf dem Samaná-Fluss erinnert sich Jules an ein Gespräch mit einem Mann, der am Flussufer wohnt: „Es ist gut, dass Ihr den Fluss in seiner ganzen Pracht kennengelernt habt, denn dem geht es bald an den Kragen“. Die Person bezog sich auf die Tatsache, dass die anderen Flüsse in der Region durch den Wasserkraftkomplex von Guatape, Punchina und Playas in den 1970er Jahren ökologisch ausgelöscht wurden. Der Samaná ist der letzte staufreie Fluss in Antioquia. Dieser Satz blieb in Jules Gedächtnis hängen. „Die Flüsse spiegeln getreu die Tragödien und Folgen einer entwicklungsorientierten Gesellschaft wider.“ „Als ich den Samaná entlang reiste, verstand ich dies: mit der Präsenz des bewaffneten Konflikts entlang des Flusslaufs, mit einem Krieg im Frieden um die Wasserressourcen und mit den Plänen, mehr hydroelektrische Staudämme zu bauen, zur Abholzung an seinen Ufern, den Verwüstungen durch das Goldschürfen in seinem Flussbett, umgeben von der sozialen Marginalisierung derer, die diese Gebiete bewohnen. Ich glaube, dass diese Erkenntnis der Auslöser für meine Idee war, mich für den Schutz der Flüsse einzusetzen. Mit reichlich Erfahrung als Guide für Kajaktouren entschied ich, zusammen mit anderen ein Unternehmen zu gründen, das Menschen an und auf den Fluss bringt, die verborgene Schönheit des Flusses bekanntmacht, die tief im Dschungel von Antioquia bisher überlebt. Vor allem aber, um auf die bestehende Gefahr aufmerksam zu machen.“

Sozial-ökologisches Unternehmertum

Jules hatte, als er in Kanada lebte, bereits als Guide Rafting- und Kajaktouren angeboten. Seine Begegnung mit dem Samaná-Fluss verstärkte seine Überzeugung, dass ein sanfter und sensibilisierender Tourismus ein guter Weg sein könnte, der Flussregion und den dort lebenden Menschen dabei zu helfen, nicht unter die Räder des Fortschritts zu geraten, sondern ihren eigenen Weg gehen zu können.

„Die Leute zum Fluss zu bringen, ist wie sie ins Kino zu führen, wobei man selbst das Drehbuch schreibt; die Landschaft managt die Kulisse“, sagt Jules. So startete das Tourismusunternehmen, wobei die für Kolumbien charakteristische Hilfsbereitschaft willkommen war. Mit viel Elan ging Jules die Herausforderung an. Das zentrale Ziel des Unternehmens war und ist weiterhin, die ökologische Bewahrung der Region und ein stärker selbstbestimmtes Leben der Menschen entlang des Samaná-Flusses mit zu ermöglichen. Das Publikum von „Expedition Colombia“, so der Name des Unternehmens, sind Menschen, die etwas anderes machen wollen, sich selbst erfahren wollen.

„Es sind coole Leute. In den sechs Jahren, in denen Expedition Colombia arbeitet, erinnere ich mich an nur 5 unangenehme Kunden“, erzählt Jules. „Unser Publikum sind Touristen, die ein wenig aus dem Rahmen fallen, an sozialökologischer Transformation interessiert sind, ihrem Leben einen (neuen) Sinn geben wollen oder nach authentischen Erfahrungen suchen und das wirkliche Kolumbien erleben wollen; außerdem neugierige Nachbarn und sogar Wissenschaftler. Aber nicht jeder, der kommt, teilt meine Sicht der Dinge. Für mich ist es bereichernd, auch mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, weil ich dadurch auch Einblick in andere Standpunkte oder Sichtweisen erhalte. Am Ende der Touren empfehle ich den TeilnehmerInnen, dass sie sich, wenn sie in ihr Hotel oder nach Hause zurückkehren und das Licht einschalten, die Frage stellen sollten, woher denn wohl die für die Beleuchtung notwendige Energie kommt – in Kolumbien höchstwahrscheinlich aus einem an einem Fluss gelegenen Wasserkraftwerk.“

Jules liebt es, mit Menschen zu reden. „Für mich ist es wichtig, ins Gespräch zu kommen und nicht so sehr, dass die Leute genauso denken wie ich. Wo ich kann, versuche ich natürlich mehr Umweltsensibilität zu wecken.“

Seit 2006 existiert ein Plan zur Nutzung des Wasserkraftpotenzials des Samaná-Flusses zur Stromerzeugung. 2015 erteilten die zuständigen Behörden die Umweltgenehmigung; aber bis heute kam es nicht zum Baubeginn. „Rund um den Samaná-Fluss kam es zu Allianzen, die sich der Verteidigung des Flusses verschrieben: entlang des Flusses lebende Gemeinden, Umweltschützer und andere engagierte Menschen. Es kam zu friedlichem Widerstand und die Pläne der extraktiven Eingriffe am Samaná wurden über die Region hinaus bekannt; außerdem wuchs die Ablehnung der Anrainergemeinden weiter an. Am Samaná konnte das Projekt bisher verhindert werden, aber langer Atem ist notwendig.

Jules lebte mehrere Jahre in Medellín. Seiner Meinung nach ist es wichtig, eine physische und auch emotionale Verbundenheit mit der Landschaft und der Region einzugehen. Seiner eigenen Überzeugung gehorchend, zog er vor etwa 4 Jahren nach San Francisco – Antioquia, eine Gemeinde in der Nähe des Flusses.

„Wir waren uns von Anfang an darüber im Klaren, dass unser Tourismusunternehmen in erster Linie kein Selbstzweck ist, um Gewinne zu erwirtschaften, sondern maßgeblich dazu beitragen soll, die Samaná-Region zu bewahren und zu erhalten“, erinnert sich Jules und fügt hinzu: „Ich habe erlebt, dass ein Unternehmen, wenn es anfängt, gut zu funktionieren, gleichzeitig ein wenig langweilig wird.“ Die Bedrohungen des Samaná ist latent und dauert an. Jules wird in absehbarer Zeit wohl kaum von Langeweile geplagt werden.

Networking

Expedition Colombia bietet neben Raftingtouren auch das Kennenlernen von kulturellen und sozialen Projekten an, die normalerweise in keinem Tourismusangebot auftauchen. „In der Reiseveranstalterbranche tummelt sich alles Mögliche und es mangelt auch nicht an jenen, die die ökologische und soziale Nachhaltigkeit als Image- und Verkaufsargument entdeckt haben, ohne einen wirklichen Draht zur jeweiligen Besuchsregion zu haben“. Expedition Colombia organisiert gemeinsame Aktivitäten mit den Gemeinden vor Ort, die darauf abzielen, diesen Menschen eine Stimme zu geben. „Man muss mit den Menschen arbeiten, auch mit denjenigen, die anders denken und nicht der gleichen Meinung sind“, erklärt Jules. „Die Basis der Zusammenarbeit ist Vertrauen, deshalb ist es auch so wichtig, dass die Menschen sich frei fühlen. Das ist meines Erachtens eine gute Basis, um Vertrauen entstehen zu lassen.“

Dort wo die engagierte Arbeit von Expedition Colombia endet, beginnt die Arbeit der Stiftung „Yumana“, einer weiteren kollektiven Initiative, in der Jules mitmischt. „Wir haben beschlossen, uns für Aktivitäten zu öffnen, die die autonome Entwicklung der Dörfer und Gemeinschaften unterstützen und die Menschen darin bestärkt, ihre eigenen Projekte aufzubauen, ihren Produkten einen Mehrwert zu geben und sie ohne Zwischenhändler zu vermarkten. Ohne eigene wirtschaftliche Alternativen sind die Gemeinschaften recht anfällig, externen Interessen, oft getarnt in Form von verlockenden Versprechungen, auf den Leim zu gehen. Yumana arbeitet momentan mit kleinen Kakaoproduzenten der Region: Kakaoproduktion auf heimische Sorten umstellen und eine Weiterverarbeitung zu Schokolade hinbekommen. Die Idee stammt ursprünglich von einem staatlichen Programm, das den Koka-Anbau ersetzen sollte. Die angewandte Strategie sah jedoch keine stärkere Einbeziehung von Kleinproduzenten vor. Yumana unterstützt die Aneignung dieser Strategie durch die Menschen in der Region des Samaná. Der Preis für ein Kilo trockenen Kakao liegt auf dem Markt bei etwa zwei US-Dollar, für ein Kilo Schokolade ist der Wert zehnmal höher.

Jules, gut vernetzt und eigentlich nie allein unterwegs, hat mehrere Gesichter: mal ist er Reiseleiter und assoziativer Unternehmer, mal sozial-ökologischer Aktivist, mal widmet er sich der Medienproduktionsfirma Amazon Icons. Jules kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und sagt schließlich: „Auf den ersten Blick scheinen es recht viele Aktivitäten zu sein, aber in Wirklichkeit sind es nur verschiedene Fäden, wie in einem Spinnennetz“.

Von Freiheit und Emotionen

„Freiheit gibt Dir Selbstvertrauen und weckt Emotionen in den Menschen“, sagt Jules, während er seinen Rucksack für eine Reise nach Bogotá packt, um an einer Zeugenvernehmung teilzunehmen, die er als Kläger gegen das Umweltministerium und das größte Zementunternehmen Kolumbiens eingereicht hat. Es geht um die Umweltlizenz für das Projekt Porvenir 2, welches am Samaná-Fluss durchgeführt werden soll und in vielen Punkten gegen Umweltgesetze verstößt. Danach geht’s weiter in Richtung Orinoco-Region, wo ein Dokumentarfilm zu den Flüssen und den Menschen in dieser noch fast unberührten Region fertiggestellt werden will.
„Die Pandemie hat viele Dinge verändert, aber sie hat nichts an der Kraft der Emotionen geändert, Veränderungen herbeizuführen. Das Leben ist ständig im Wandel und wir dürfen uns dem Neuen nicht verschließen, aber diese Herausforderungen ermutigen uns, nach Veränderung zu suchen.“




Seine Lebensphilosophie hält Jules in Bewegung lässt Jules auf seine Kosten kommen: eigentlich nie allein und da wo möglich im Kajak.

Quintessenzen für die Zukunft

1

Eine Unternehmensidee, bei dem das gewinnorientierte Business nicht Selbstzweck ist, sondern ein gangbarer Weg, um gemeinwohlorientierte Ziele voranzubringen.

2

Flüsse als das zu entdecken, was sie sind – die Adern der Landschaft – ist eine Erfahrung, welche die Natur und ihre Einzigartigkeit Schönheit begreifbarer macht. Gleichzeitig hilft sie den Blick zu schärfen für ökologische und soziale Bedrohungen sowie bereits vollzogene Beeinträchtigungen, verursacht durch landschaftsfremde Interessen, meist im Namen von Fortschritt und Entwicklung.

3


Landschaft und Region sind wir alle: diejenigen, die wir dort leben, diejenigen, die wir eine Mitverantwortung fühlen (auch wenn wir nicht dort leben) und diejenigen, die sie genießen.

In Erinnerung an Camilo Duque, einen sehr talentierten Menschen, der sein Leben verlor, als er tat, was er liebte, und der für immer eine Quelle der Inspiration und Bewunderung bleiben wird. Sowohl wegen seiner Liebe zu Flüssen, aber vor allem für seine wohlwollende Einstellung.

Autoren:

  • Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de

Layout:

  • Gabriela Avendaño.
  • Ida Peñaranda

Fotomaterial:

Jules Domine

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:


Bildmaterial: Jules Domine

Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:

Jules Domine

www.expeditioncolombia.com/about/

AUSGABE:



Ausgabe: März 2021

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Jorge Krekeler
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