Faszinierende Harmonie mit der Natur
Flüsse - Spiegel der Tragödien im Namen der Entwicklung
Sozial-ökologisches Unternehmertum
Jules hatte, als er in Kanada lebte, bereits als Guide Rafting- und Kajaktouren angeboten. Seine Begegnung mit dem Samaná-Fluss verstärkte seine Überzeugung, dass ein sanfter und sensibilisierender Tourismus ein guter Weg sein könnte, der Flussregion und den dort lebenden Menschen dabei zu helfen, nicht unter die Räder des Fortschritts zu geraten, sondern ihren eigenen Weg gehen zu können.
„Die Leute zum Fluss zu bringen, ist wie sie ins Kino zu führen, wobei man selbst das Drehbuch schreibt; die Landschaft managt die Kulisse“, sagt Jules. So startete das Tourismusunternehmen, wobei die für Kolumbien charakteristische Hilfsbereitschaft willkommen war. Mit viel Elan ging Jules die Herausforderung an. Das zentrale Ziel des Unternehmens war und ist weiterhin, die ökologische Bewahrung der Region und ein stärker selbstbestimmtes Leben der Menschen entlang des Samaná-Flusses mit zu ermöglichen. Das Publikum von „Expedition Colombia“, so der Name des Unternehmens, sind Menschen, die etwas anderes machen wollen, sich selbst erfahren wollen.
„Es sind coole Leute. In den sechs Jahren, in denen Expedition Colombia arbeitet, erinnere ich mich an nur 5 unangenehme Kunden“, erzählt Jules. „Unser Publikum sind Touristen, die ein wenig aus dem Rahmen fallen, an sozialökologischer Transformation interessiert sind, ihrem Leben einen (neuen) Sinn geben wollen oder nach authentischen Erfahrungen suchen und das wirkliche Kolumbien erleben wollen; außerdem neugierige Nachbarn und sogar Wissenschaftler. Aber nicht jeder, der kommt, teilt meine Sicht der Dinge. Für mich ist es bereichernd, auch mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, weil ich dadurch auch Einblick in andere Standpunkte oder Sichtweisen erhalte. Am Ende der Touren empfehle ich den TeilnehmerInnen, dass sie sich, wenn sie in ihr Hotel oder nach Hause zurückkehren und das Licht einschalten, die Frage stellen sollten, woher denn wohl die für die Beleuchtung notwendige Energie kommt – in Kolumbien höchstwahrscheinlich aus einem an einem Fluss gelegenen Wasserkraftwerk.“
Seit 2006 existiert ein Plan zur Nutzung des Wasserkraftpotenzials des Samaná-Flusses zur Stromerzeugung. 2015 erteilten die zuständigen Behörden die Umweltgenehmigung; aber bis heute kam es nicht zum Baubeginn. „Rund um den Samaná-Fluss kam es zu Allianzen, die sich der Verteidigung des Flusses verschrieben: entlang des Flusses lebende Gemeinden, Umweltschützer und andere engagierte Menschen. Es kam zu friedlichem Widerstand und die Pläne der extraktiven Eingriffe am Samaná wurden über die Region hinaus bekannt; außerdem wuchs die Ablehnung der Anrainergemeinden weiter an. Am Samaná konnte das Projekt bisher verhindert werden, aber langer Atem ist notwendig.
Jules lebte mehrere Jahre in Medellín. Seiner Meinung nach ist es wichtig, eine physische und auch emotionale Verbundenheit mit der Landschaft und der Region einzugehen. Seiner eigenen Überzeugung gehorchend, zog er vor etwa 4 Jahren nach San Francisco – Antioquia, eine Gemeinde in der Nähe des Flusses.
Networking
Dort wo die engagierte Arbeit von Expedition Colombia endet, beginnt die Arbeit der Stiftung „Yumana“, einer weiteren kollektiven Initiative, in der Jules mitmischt. „Wir haben beschlossen, uns für Aktivitäten zu öffnen, die die autonome Entwicklung der Dörfer und Gemeinschaften unterstützen und die Menschen darin bestärkt, ihre eigenen Projekte aufzubauen, ihren Produkten einen Mehrwert zu geben und sie ohne Zwischenhändler zu vermarkten. Ohne eigene wirtschaftliche Alternativen sind die Gemeinschaften recht anfällig, externen Interessen, oft getarnt in Form von verlockenden Versprechungen, auf den Leim zu gehen. Yumana arbeitet momentan mit kleinen Kakaoproduzenten der Region: Kakaoproduktion auf heimische Sorten umstellen und eine Weiterverarbeitung zu Schokolade hinbekommen. Die Idee stammt ursprünglich von einem staatlichen Programm, das den Koka-Anbau ersetzen sollte. Die angewandte Strategie sah jedoch keine stärkere Einbeziehung von Kleinproduzenten vor. Yumana unterstützt die Aneignung dieser Strategie durch die Menschen in der Region des Samaná. Der Preis für ein Kilo trockenen Kakao liegt auf dem Markt bei etwa zwei US-Dollar, für ein Kilo Schokolade ist der Wert zehnmal höher.
Von Freiheit und Emotionen
„Freiheit gibt Dir Selbstvertrauen und weckt Emotionen in den Menschen“, sagt Jules, während er seinen Rucksack für eine Reise nach Bogotá packt, um an einer Zeugenvernehmung teilzunehmen, die er als Kläger gegen das Umweltministerium und das größte Zementunternehmen Kolumbiens eingereicht hat. Es geht um die Umweltlizenz für das Projekt Porvenir 2, welches am Samaná-Fluss durchgeführt werden soll und in vielen Punkten gegen Umweltgesetze verstößt. Danach geht’s weiter in Richtung Orinoco-Region, wo ein Dokumentarfilm zu den Flüssen und den Menschen in dieser noch fast unberührten Region fertiggestellt werden will.
„Die Pandemie hat viele Dinge verändert, aber sie hat nichts an der Kraft der Emotionen geändert, Veränderungen herbeizuführen. Das Leben ist ständig im Wandel und wir dürfen uns dem Neuen nicht verschließen, aber diese Herausforderungen ermutigen uns, nach Veränderung zu suchen.“
Seine Lebensphilosophie hält Jules in Bewegung lässt Jules auf seine Kosten kommen: eigentlich nie allein und da wo möglich im Kajak.
Quintessenzen für die Zukunft
1
Eine Unternehmensidee, bei dem das gewinnorientierte Business nicht Selbstzweck ist, sondern ein gangbarer Weg, um gemeinwohlorientierte Ziele voranzubringen.
2
Flüsse als das zu entdecken, was sie sind – die Adern der Landschaft – ist eine Erfahrung, welche die Natur und ihre Einzigartigkeit Schönheit begreifbarer macht. Gleichzeitig hilft sie den Blick zu schärfen für ökologische und soziale Bedrohungen sowie bereits vollzogene Beeinträchtigungen, verursacht durch landschaftsfremde Interessen, meist im Namen von Fortschritt und Entwicklung.
3
Landschaft und Region sind wir alle: diejenigen, die wir dort leben, diejenigen, die wir eine Mitverantwortung fühlen (auch wenn wir nicht dort leben) und diejenigen, die sie genießen.
In Erinnerung an Camilo Duque, einen sehr talentierten Menschen, der sein Leben verlor, als er tat, was er liebte, und der für immer eine Quelle der Inspiration und Bewunderung bleiben wird. Sowohl wegen seiner Liebe zu Flüssen, aber vor allem für seine wohlwollende Einstellung.
Autoren:
- Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
- Gabriela Avendaño.
- Ida Peñaranda
Fotomaterial:
Jules Domine
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
Bildmaterial: Jules Domine
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
Jules Domine
www.expeditioncolombia.com/about/

