Murujuy ist mehr als 250 Kilometer von Villavicencio entfernt. Vor nicht allzu langer Zeit investierte die Lokalregieurng einen Batzen Geld, um Strom nach Murujuy zu bringen – lokal verfügbare erneuerbare Energiequellen zur dezentralen und autonomen Elektrizitätsproduktion zu favorisieren, wurde erst gar nicht in Erwägung gezogen. So musste eine 200 Kilometer lange Stromzuleitung zum Anschluss ans nationale Stromverteilernetz her. Nun sind Stromausfälle durch herabfallende Bäume oder andere technische Ausfälle an der Tagesordnung, und es kann jeweils eine Woche dauern, bis eine Gruppe von Mitarbeiter/innen der Vertriebsgesellschaft das Problem behebt. Für Mauricio ist das Elektrifizierungsprojekt fragwürdig: „Mit einem Viertel der Investition hätte ein autonomes Solarsystem installiert werden können. Das Potenzial für Sonnenenergie in der Region Murujuy liegt zwischen 9 Uhr morgens und 4 Uhr nachmittags bei einem Kilowatt pro Quadratmeter. Bei einem durchschnittlichen Elektrizitätsverbrauch von gerade mal 40 Kilowattstunden pro Monat und Haushalt könnte Murujuy sich leicht und viel kostengünstiger durch Solarenergie selbst versorgen.“ Beispiele dafür, dass so etwas funktioniert, gibt es auch in Kolumbien: Puerto Santander, inmitten des Amazonasgebietes, verfügt über ein autonomes Solarenergiesystem, das die 40 ansässigen Familien, die Schule und sogar die Polizeistation versorgt. Mauricio war an der Installation dieses Systems beteiligt. „Die monatliche Stromrechnung in Puerto Santander pro Familie beläuft sich auf 12.000 Pesos (ca. 4 USD). Das System wird von einem Nutzerausschuss verwaltet, der die Wartung übernimmt, und kürzlich wurden die Batterien nach zehn Jahren gewechselt. Hier in Murujuy kostet Elektrizität viermal mehr, wenn sie wegen der häufigen Versorgungsunterbrechungen überhaupt verfügbar ist.“
49 Prozent der regionalen Elektrizitätsverteilungsgesellschaft ist im Besitz der Regionalregierung und mehrerer Lokalregierungen, der Rest befindet sich in der Hand privater Eigentümer/innen. Das Interesse am finanziellen Gewinn scheint den Blick in Richtung Nutzung erneuerbarer Energien vollkommen blockiert zu haben. In Kolumbien gibt es wie in vielen anderen Ländern abgesehen von Lippenbekenntnissen noch keine greifende Politik zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen. An der ersten durch das nationale Energieministerium angebotenen Ausschreibung in Sachen Erneuerbare Energien im Februar 2019 beteiligten sich 15 Unternehmen aus dem Bereich Solar- und Windenergie. Ein Zuschlag wurde dennoch nicht erteilt, und es wurde erklärt, dass keins der Unternehmen die technischen, legalen und/oder finanziellen Anforderungen erfülle. Der Verdacht liegt nahe, dass solche Entscheidungen durch den Druck des mächtigen konventionellen Energiesektors zustande kommen. Hier noch eine weitere Kostprobe: Taxis mit Elektromotor, die in der Hauptstadt Bogotá zirkulieren, können ihre Batterien nicht zu Hause aufladen, wenngleich dem technisch nichts im Wege stünde, sondern müssen zu Elektrotankstellen. Konventionelle Konzepte und Kriterien beherrschen den Energiesektor immer noch weitestgehend. Glücklicherweise gelingen aber auch Schritte in die richtige Richtung: Die ersten autonomen Energieproduktions- und versorgungsysteme auf der Basis erneuerbarer Energiequellen arbeiten im Hinterland; die Energieeffizienz klettert mittlerweile durch die Verbreitung von LED-Leuchten und Kühlschränken neueren Datums. Bahnbrechend scheint eine relativ neue gesetzliche Vorschrift, die Energievertriebsunternehmen dazu verpflichtet, die Energieeinspeisung durch dezentrale lokale Produktion ins Netz zu akzeptieren. Noch schieben einige der Vertriebsunternehmen technische Hindernisse als Ausrede vor, um diese kleine Energiewende auszubremsen, aber die Aussichten sind ermutigend.
Sommer bedeutet in der Savanne Dürre. „Seit November hat es nicht mehr wirklich geregnet“, sagt Doña Rosita. „Jetzt sind wir im März und der Regen lässt auf sich warten.“ In der ganzen Region ist der Grundwasserspiegel gesunken, als Folge der riesigen industriellen Baumplantagen, wo Ölpalmen für die Gewinnung von Biosprit, Kautschukbäume und Kiefern wachsen. Um sich mit Wasser zu versorgen, verfügen viele Familien über Motorpumpen, um Wasser aus den wenigen nicht ausgetrockneten Bächen zu fördern. Einige Familien haben eigene Brunnen. Aber es gibt auch Familien, wie die von Doña Sonia, die das Wasser per Eimer aus mehr als einem Kilometer Entfernung herbeischaffen muss. Mit der technischen Unterstützung von Mauricio haben Beto und Cheo ein Windrad installiert, um Wasser aus ihrem Brunnen zu pumpen. Die Neuheit besteht darin, dass das Windrad mit Hilfe eines kleinen Kompressors Luft komprimiert, die durch einen Schlauch bis zum Grund des mit Rohren ausgekleideten Brunnens geleitet wird; die komprimierte Luft steigt an die Oberfläche und befördert dabei das kostbare Nass nach oben. Mechanische Pumpen funktionieren im Prinzip ähnlich, haben jedoch eine deutlich kürzere Lebenserwartung, da der in den Brunnen häufig auftretende Sand schnell technische Teile ausser Gefecht setzt. Bei Pumpen und Heben des Wassers auf der Basis von in Druckluft verwandelter Windenergie fallen anders als bei Motorpumpen keinerlei Betriebskosten an. 8 Stunden Wind reichen aus, damit Cheo und Beto 1200 Liter Wasser pumpen können: In Dürrezeiten ist diese Wassermenge ein Segen. „Wenn der Bach in der Nähe des Hauses während der Regenzeit ausreichend Wasser führt, verwenden wir unsere Wasserpumpe“, erklärt Cheo. Ein kleines Stauwehr im Bach ermöglicht es, durch ein Rohr mit entsprechendem Gefälle Wasser zur Wasserpumpe zu führen. Der Wasserstrahl sorgt durch Stossenergie in einem kleinen Zylinder für Druckluft. Mit dieser Druckluft kann per Schlauch Wasser in das 500 Meter entfernte und 20 Meter höher gelegene Wohnhaus gepumpt werden. Die Kosten für solch ein Pumpensystem variiert zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Pesos (ungefähr 350 bis 500 Dollar); einmal installiert können ohne Betriebskosten bis zu 5 Kubikmeter Wasser pro Tag gepumpt werden.