Paramo – trinkwasserspeicher
Interessenskonflikt: zwischen gier und leben
Risiken des Tagebaus
Erhebliche Beeinträchtigung von Ökosystemen, Landschaft sowie heimischer Flora und Fauna bis hin zu ihrer Zerstörung.
Veränderungen der Gewässer- und Grundwassersysteme
Hoher Wasserverbrauch und -kontamination
Entstehung von grossen Abraumhalden sowie Auffangbecken mit der Gefahr der grossflächigen Kontamination durch Auswaschung, Dammbrüche etc
Risiken des Untertagebaus
Vollständige oder teilweise Zerstörung von Grundwasserhorizonten
Änderung der Richtung des natürlichen Grundwasserflusses durch Untertagestollen
Durch Kontaminierung verursachte Wasser PH-Werte von weniger als 4
Rutschungen von Abraumhalden führen zur Modifizierung ganzer Flusssysteme
Nebst dem Verlust ihres Trinkwassereinzugsgebiet läuft die Zivilgesellschaft Gefahr, die Kosten für das nur begrenzt mögliche Auffangen der Umweltschäden in Form ihrer Steuern stemmen zu müssen. Untersuchungen zeigen, dass viele Schäden erst nach Jahren feststellbar sind; zu einem Zeitpunkt also, wenn die verursachenden Bergbauunternehmen das Land meist längst verlassen haben und nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Die Vorteile kommen nur wenigen zugute, während die Risiken und Schäden die grosse Mehrheit der Bevölkerung in Mitleidenschaft ziehen. Dies wissen auch die Bergbaugesellschaften, und so investieren sie beachtliche Summen in Kampagnen, die den Mega-Bergbau als einen guten Deal für alle darzustellen versuchen.
Road map des paramo von santurbán
2009 beantragte das kanadische Bergbauunternehmen Greystar Resources eine Umweltlizenz für sein Bergbau-Megaprojekt «Angostura», um im Tagebau Gold mitten im Paramo abzubauen. Angesichts dieser unmittelbaren Bedrohung für das Ökosystem des Paramo als Wasserspeicher bildete sich in Bucaramanga eine Protestbewegung der Zivilgesellschaft. Beim ersten grösseren Protestmarsch gingen 5000 Personen auf die Strasse. Neben Gewerkschaften, Umweltschützer/innen und NGOs schlossen sich auch etabliertere Institutionen an, darunter der Gross- und Einzelhandel sowie der regionale Ingenieursverband. Informative Anhörungen rückten ein offenes Geheimnis ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Der Staat und seine Institutionen lassen Bergbauunternehmen nach Belieben schalten und walten. Zur gleichen Zeit begannen einige Medien, die Integrant_innen der Protestbewegung einzuschüchtern, zu bedrohen und zu verleumden – es war von Feinden der Regionalentwicklung und falschen Aposteln des Umweltschutzes die Rede. Die Antwort der Bewegung liess nicht lange auf sich warten: Beim dritten Protestmarsch kamen 8’000 Menschen zusammen. Die Regionallandschaftsverband von Bucaramanga, die federführend verantwortliche regionale Umweltbehörde, versuchte Anfang 2011, Mitstreiter/innen der Protestbewegung von einer Umweltanhörung bezüglich des Bergbaus im Paramo von Santurbán auszuschliessen. Postwendend kam die Antwort: Im Februar 2011 kamen mehr als 40’000 Menschen zu einem Protestmarsch in Bucaramanga zusammen, es fanden Sitzblockaden vor dem Umweltministerium in Bogotá und weitere Protestaktionen in Nachbardepartment Norte Santander statt. Schliesslich verweigerte der Staat im März 2011 Greystar die Umweltlizenz. Daraufhin gab das Unternehmen sein Projekt zur Gewinnung von Gold im Tagebau auf und gab sich mit einem neuen Namen einen Ökoanstrich: Eco-Oro.
Das 2010 verabschiedete Gesetz 1382 schob industriellen Bergbauaktivitäten in den Paramo-Ökosystemen einen Riegel vor, liess aber das heikle Thema der räumlichen Abgrenzung der kolumbianischen Paramos völlig offen. Nach biogeographischen Kriterien sind die Andenwälder ab 2’500 Metern Höhe Teil dieses Ökosystems. Auf politischen Druck des nationalen Bergbauministeriums identifiziert der Regionallandschaftsverband den Paramo von Santurbán aber erst ab einer Höhe von 3’400 Metern – im Januar 2013 wurde die Grösse des Naturschutzgebiets Paramo von Santurban mit gerade mal 11’700 Hektar angegeben. Durch diese fragwürdige Entscheidung waren ganze Grundwasserhorizonte, der andine Höhenwald, Torfmoore und Lagunensysteme – Landschaftselemente, die für den Wasserkreislauf unverzichtbar sind – dem Megabergbau ausgeliefert. Zusätzlich wurden alte Bergbautitel, die nun im Naturschutzgebiet lagen, bestätigt. Vehemente Proteste der Zivilgesellschaft brachten den Staat schliesslich dazu, verschiedene staatliche Institutionen damit zu beauftragen, eine fundiertere räumliche Abgrenzung des Paramos durchzuführen. Aber auch beim zweiten Anlauf blieb der Andenhochwald aussen vor, und es drohte eine Zersplitterung des Ökosystems. Das Alexander-von-Humboldt-Institut, eine Referenzstelle für die territoriale Abgrenzung von Ökosystemen in Kolumbien, kam bei einer Identifizierung des Paramos von Santurbán auf eine Ausdehung von zusätzlichen 30’000 Hektaren. Diese 30’000 Hektaren, die von der Regierung nicht miteinbezogen worden waren und damit ausserhalb der Schutzzone lagen, stimmten mit Gebieten überein, in denen transnationale Bergbaugesellschaften Bergbautitel besassen.
Ende 2018 beantragte MINESA, eine von einer Investment- und Entwicklungsgruppe der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate gegründete Bergbaugesellschaft, eine Umweltlizenz für ihr Megaprojekt Soto Norte. Es ging dabei um ein ambitioniertes Untertagebauprojekt, welches in den Gemeinden Suratá und California ein riesiges Tunnelsystem bohren wollte, nur wenige Meter vom Paramo entfernt. Gemäss Zeitplan des Unternehmens hätte das Projekt 2019 beginnen sollen, wobei die Förderung von 2021 bis 2044 dauern sollte. 2048 würde schließlich die «Restaurierung» abgeschlossen sein. Die Auswirkungen des Projekts auf das Grundwasserregime und das Ökosystem sind nicht genau vorhersehbar. Expert/innen sagen jedoch voraus, dass hydrogeologische Eigenschaften nach Abschluss des Projekts nicht in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren können. Das Soto-Norte-Projekt wirft gleich mehrere Fragen auf: Welche Auswirkungen hat der Mega-Bergbau auf die Qualität und Menge des Grundwassers? Wie hoch sind die Folgeschäden und wer kommt für diese auf? Wie hoch ist das Risiko des Megabergbaus ohne Pufferzone in unmittelbarer Nähe zum Paramo? Welches Szenarium ergibt sich bei Berücksichtigung des Erdbebenrisikos? Die vom Unternehmen vorgelegte Umweltverträglichkeitsstudie bietet keine überzeugenden Antworten auf diese Bedenken, und die Regionalkörperschaft erfüllt ihres Rolle als Aufsichtsorgan nicht. Aus der Sicht der nationalen Bergbaubehörde handelt es sich bei «Soto Norte» um ein Projekt von nationalem Interesse und verdient jegliche Unterstützung. Seit 2014 besitzt Kolumbien ein Express-Verfahren, um Umweltlizenzen zu erteilen. 2017 kam es in sieben Landkreisen Kolumbiens zu rechtsverbindlichen Volksbefragungen, bei denen sich Mehrheiten für das Wasser und damit fürs Leben entschieden haben und dem Bergbau eine Abfuhr erteilten. Danach verunmöglichte das oberste Verfassungsgericht es den Lokalregierungen praktisch, solche Volkskonsultationen durchzuführen. In Zukunft müssen bereits im Vorfeld Umweltverträglichkeitsstudien von unabhängigen Expert/innen vorliegen, wenn Volkskonsultationen bergbaurelevante Aspekte berühren. Doch die allermeisten Kommunen haben dafür kein Budget. Die locomotora minera macht sich an allen Ecken und Enden des kolumbianischen Staates bemerkbar.
Vorprogrammierter protest
Pro trinkwasser statt kontra mega-bergbau
Jeden Mittwoch von 6 bis 8 Uhr abends trifft sich der harte Kern der Protestbewegung, um die nächsten Schritte zu besprechen; Treffpunkt ist der Sitz der Gewerkschaft der Wasserwerke von Bucaramanga. Es ist eine bunte Gruppe von Gewerkschaftler/innen, Umweltschützer/innen, Mitglieder von politischen Parteien, NGOs, Akademiker/innen und Stadtviertelvertreter/innen, allesamt empört über den Ausverkauf der Natur und der eigenen Zukunft. Mitmachen kann, wer will, und das Kollektiv hat entschieden, sich nicht institutionell zu konstituieren, um Hierarchiestrukturen zu vermeiden: Die Moderation wird im Wechsel übernommen, feste Sprecher/innen gibt es nicht, und Entscheidungen werden im Anschluss an Debatten im Konsens getroffen. Das Spektrum der Maßnahmen ist breit: Lobbyarbeit mit Medien, Politiker/innen und Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen sowie Kongressabgeordneten. International arbeitet man mit Mining Watch aus Kanada, Netzwerken in den USA und den Niederlanden sowie dem Interamerikanischen Verband zur Verteidigung der Umwelt zusammen.
Die Aktualisierung der Fachexpertise in Sachen rechtlichem, politischem, ökologischem und argumentativem Kontext steht ganz oben auf der Agenda der Portestbewegung. Die Informationsarbeit in den Stadtvierteln und Aktionen an öffentlichen Orten haben sie ebenso im Visier. Derzeit ist eine Umfrage unter den Bürgerinnen und Bürgern rund ums Wasser und den Paramo von Santurbán in Planung. Es werden legale Schritte eingeleitet, um die Durchführung von technischen Inspektionsbesuchen zu erreichen, und man steht kurz davor, eine öffentliche Anhörung im Parlament mit Abgeordneten der Bergbauproblematik und des Fracking zu erreichen. Mayerly López stieg bei der Bewegung ein, als sie noch an der öffentlichen Universität studierte. «Wir achten auf unser gesellschaftliches Ansehen, welches wir uns als Protestplattform erarbeitet haben», erklärt die Aktivistin. «Was hier auf dem Spiel steht, geht uns alle an. Für mich persönlich ist die Teilnahme an der Protestbewegung zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden.» Für Mario Flórez, der seit der ersten Stunde vor nunmehr 9 Jahren dabei ist, sagt: «Unsere Protestbewegung hält sich dank der bisherigen Erfolge am Leben.»
Erfolge zu Gunsten des Trinkwassers und der Lebensqualität
Verhinderung der Umweltlizenz von Greystar für ihr Tagebauprojekt Angostura
Rückzug der Weltbank, die ursprünglich mit Kapital an Greystar beteiligt war, aus dem Projekt
Verbot des Bergbaus in den Paramos des Landes mit dem Urteil 0-35 des Verfassungsgerichts von 2016
Verzögerung des Umweltlizenzprozesses von Minesa für ihr Unertagebauprojekt Soto Norte
Demanda al Ministerio de Ambiente y Desarrollo Sostenible para actualizar / transparentar información sobre nuevo proceso de delimitación
Aufnahme der Themen Trinkwasser und Paramo in die öffentliche Agenda
Anordnung eines neuen Verfahrens des Paramo durch das
Verfassungsgericht und Anerkennung der Bevölkerung des Ballungsraums Bucaramanga als direkt Betroffene
Petition gegenüber dem Umweltministerium zwecks umgehender Einleitung eines neuen Demarkationsprozesses
Verhinderung des Mega-Bergbaus im Paramo von Santurbán durch sozialen Druck
Sensibilisierung der Bevölkerung, die inzwischen Trinkwasser und Lebensqualität mit dem Paramo in Verbindung bringen
Verteidigung des Paramos von Santurbán als Initialzündung für Proteste zum Schutz anderer Paramos in Kolumbien
Erkenntnis der Zivilgesellschaft, dass der Mega-Bergbau kein Allheilmittel ist
Debatte um Trinkwasser und Lebensqualität statt um die Relevanz des Mega-Bergbaus für die Ökonomie
Der Slogan des Protests lautet, dass keine Interessen vertreten, sondern Rechte eingefordert werden: Verteidigung von (Trink-)Wasser und Leben und nicht Kampf gegen den Bergbau. Ausserdem wird kontinuierlich zwischen dem traditionellen kleinskaligen Bergbau und dem Mega-Bergbau differenziert. Die Protestbewegung lebt Pluralität, sodass es zu einem Zusammenfluss von verschiedenen Sektoren gekommen ist, denn was die Gruppe trotz ihrer Heterogenität vereint, ist freiwilliges und gesellschaftliches Engagement. Die Überwindung von Klassendenken und die Öffnung hin zu Verbündeten war aber nicht einfach: «Wir sind nicht die Zivilgesellschaft von Bucaramanga, sondern nur ein kleiner Teil davon, und wir brauchen Verbündete, sie sind wichtig», erklärt Mario Flórez. Die einzige Bedingung, um teilnehmen zu können, ist der Wille, authentisch für Wasser zu kämpfen. So war es möglich, auch politische Parteien, Geschäftsleute, Gewerkschaftler/innen, Wissenschaftler/innen und Umweltschützer/innen an einen Tisch zu bekommen. Die Bewegung hat Höhen und Tiefen durchgemacht, ohne sich dabei instrumentalisieren zu lassen. Das Rotieren in den Fuktionen, die auch anderen Raum gibt, sowie die soziale Kontrolle des Kollektivs waren und sind hierfür sehr wichtig. Der Finanzmangel der Bewegung ist dagegen ein konstantes Problem. Doch laut Alix Mancilla, einer weiteren Mitsstreiterin der ersten Stunde, «schwächt dieser Umstand nicht, sondern aktiviert Kreativität.» Die Organisation eines Protestmarsches mit mehr als hunderttausend Teilnehmer/innen mit weniger als 20 Millionen Pesos (etwa 5’000-6’000 Euro) Budget zu stemmen, spricht für sich.
Das territorium sind wir alle
«Was in Santurbán passiert, wird auch in anderen Paramos Kolumbiens passieren», erklärt Mario Flórez. Für 2019 ist ein nationales Treffen zum Schutz der Paramos geplant. Der Trend zur Verteidigung der Paramos ist wachsend, denn 22 der mehr als 30 Paramos im Land sind vom Mega-Bergbau bedroht. Mit der Unterstützung des Anwaltskollektivs Luis Carlos Pérez, welches auch zur Protestbewegung gehört, werden verschiedene Rechtswege beschritten. So entschied das Verfassungsgericht, dass das Recht der Bevölkerung auf Wasser, menschenwürdiges Leben, Information, Beteiligung und intakte Umwelt durch das beanstandete Demarkationsverfahren des Paramo von Santurbán nicht berücksichtigt wurde. Damit wurde rechtlich anerkannt, dass dem Territorium neben der lokalen auch die regionale und metropolitane Zivilgesellschaft angehört.
Quintessenzen in Richtung Zukunft
1
2
Anschein zu wahren, es würde bei der Verpfändung der Trinkwasserversorgung alles mit rechten Dingen zugehen. Die Menschen haben begonnen, sich als Teil des bedrohten Territoriums sehen, und fordern die Sicherung des Trinkwassereinzugsgebiets, statt dem kurzsichtigen Ausverkauf der Natur tatenlos zuzusehen.
3
Widerstand kann sich in eine Alternative verwandeln, wenn die Bewohner/innen einer ganzen Region ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer vom Extraktivismus bedrohten Zone entwickeln. Breite Öffentlichkeitsarbeit mit klaren und positiven Kernmessages bewegt sehr viele zum Mitmachen: Die Verteidigung des Paramo geht uns alle etwas an.
Der Text, der auf Besuche und Gespräche vor Ort basiert, wurde von Jorge Krekeler (Berater Misereor als AGEH Fachkraft) erstellt, zunächst jedoch mit den Interviewpartnern konsensfähig gemacht. Besonderen Dank gilt Mario Flórez, Alix Mancilla, Erwing Rodríguez, Jesús Gamboa, Mayerly López, Carlos Morales, Elizabeth Martínez und Nelly Sofía Ardila vom Komitee Defensa del Agua y el Paramo de Santurbán sowie in besonderer Weise der Corporación Compromiso für die Kontaktherstellung.
Autoren:
- Jorge Krekeler / jorge.krekeler@posteo.de
Layout:
Diana Patricia Montealegre
Bildmaterial:
Corporaciòn Compromiso, Jorge Krekeler
Kontaktangaben in Bezug auf dokumentierte Erfahrung:
Correo electrónico: comiteparamosanturban@gmail.com
Facebook: Comité Santurbán Twitter: @comitesanturban



